ÜBER BALL UND DIE WELT

Minister begrüßt Späher

über Menschenhandel

MARTIN KRAUSS

Die Fußballnationalmannschaft von Sierra Leone hat Anfang Oktober im heimischen Freetown gegen Südafrika gespielt. Das Spiel endete 0:0, und im Stadion saß auch ein Fußballagent namens Patrick Mörk. Der betreut vor allem afrikanische Spieler. Und zwar vor allem nicht ganz so bekannte Profis. Auch um Spieler aus Sierra Leone kümmert sich Mörk, etwa um Torwart Ibrahim Tetteh Bangura. Der Besuch eines schwedischen Agenten beim Länderspiel gegen Südafrika war der Zeitung Sierra Express Media einen großen Artikel wert.

Nicht dass Kicker eines kleineren Fußballlandes wie des westafrikanischen Sierra Leone für Agenten von Interesse sind, ist bemerkenswert – das ist normaler Kapitalismus. Erstaunlich ist vielmehr die freudige Erwartung großer Teile der Öffentlichkeit bis hin zum Sportminister dieses kleinen Landes. Schließlich werden die Menschen vermutlich ihre Stars nie wieder Fußball spielen sehen. Und wenn, dann kaum live, sondern bestenfalls auf kleinen unscharfen Youtube-Bildchen. „This is great for our players“, heißt es in Sierra Express Media trotzig-überschwänglich. Denen werden Versprechungen gemacht, sie kriegen schlechte Jobs in Ländern, deren Sprache sie nicht sprechen und in denen Rassismus zum Alltag gehört – das etwa ist die hiesige kritische Perspektive.

Doch die andere Perspektive ist die Hoffnung: Es könnte ja was werden in der Fremde. Etwa wie bei Mohamed Bangura, der bei AIK Stockholm spielt. Dass jugendliche Fußballfans in Bangura – wie Jahre zuvor in Mohammed Kallon, der es sogar zu Inter Mailand und AS Monaco brachte – ein Vorbild erblicken, ist verständlich. Das ist einer, der der Armut entkommen konnte. Aber warum beklatscht auch der Sportminister den Exodus der besten Spieler? Weil er doof ist oder gekauft oder beides – das wäre wiederum eine hiesige Sicht auf das kleine afrikanische Land, die sich kritisch wähnt.

Noch vor neun Jahren, als das Team Sierra Leones einmal gegen den Sudan verloren hatte, stellte der Sportminister dem Fußballverband ein Ultimatum: Erst wenn sie die Niederlage erklärt und für ihre künftige Unwiederholbarkeit gesorgt hätten, gäbe es wieder Geld. Da ist die heute dominierende Position, die besten Spieler mögen in europäische Ligen vermittelt werden, deutlich moderner. Die frühere Hoffnung kleiner Länder, mit Hilfe des Sports „auf die Weltkarte“ zu gelangen, ist nämlich immer weniger plausibel: Denn die Aussichten der Nationalelf von Sierra Leone, jemals irgendwo groß aufzuspielen, sind nicht allzu doll. Und wenn, dann würde das nur über Stars, die im Ausland zu Weltklassespielern reiften, geschehen. Denn die Bedeutung der Nation (und ihrer Nationalmannschaft) hat im Vergleich zur Bedeutung des Marktes (und seiner Fußballindustrie) dramatisch abgenommen. Woran kleine Länder bestenfalls noch partizipieren können, ist ein Modell „George Weah“ oder „Samuel Eto’o“.

Die haben erst auf Liberia oder Kamerun (und auf deren Nationalmannschaften) aufmerksam gemacht, nachdem sie bei reichen europäischen Klubs groß rauskamen. Erst kommt der Markt, dann hat vielleicht auch der Staat etwas davon. Vielleicht. Denn Sierra Leones Sportminister fiel nach dem unerwarteten 1:1 der Nationalelf gegen Ägypten mit einer anderen Betrachtung auf: „Meine Anwesenheit hat eine Menge für die Motivation bewirkt“, sagte er. Das ist natürlich auch ein Punkt, den Fußballexperten viel zu lange vernachlässigt haben.