Unterschichtenfabriken

KOMMENTAR VON CHRISTIAN FÜLLER

Vor wenigen Tagen noch zerbrach sich die Republik den Kopf über die neue Armut. Jetzt kommen Daten aus der Bildungsforschung, an die Öffentlichkeit, die zeigen, wo die deutsche Unterschicht hergestellt wird: in den Hauptschulen. Gerade in städtischen Quartieren laufen diese Unterschichtenfabriken seit Jahren auf vollen Touren. In Bremen, Hamburg und Berlin sind weit über die Hälfte der Hauptschulen sozial und pädagogisch nicht mehr funktionstüchtig. In den Sozialhilfevierteln Frankfurts, Münchens und Dortmunds sieht es ähnlich aus. Man wusste es, nun ist es bewiesen.

Es ist nicht fein, Schulen als Fabriken zu bezeichnen. Schließlich geht es dort um die Bildung von Menschen, um junge Bürger, die angeblich auf ein erfolgreiches und glückliches Leben vorbereitet werden. Nur verbietet es sich heute, an Hauptschulen mit solchen Floskeln aufzukreuzen. Die Insassen empfinden es als dummen Zynismus, und es wird Zeit, dass auch der Mainstreamdiskurs die gesellschaftliche Realität in den Schulghettos zur Kenntnis nimmt. Dort konzentrieren sich Schulversager (50 Prozent), Migrantenkinder (50 Prozent), Gewalttätige (40 Prozent) und der Nachwuchs von ungelernten (40 Prozent) oder arbeitslosen Eltern (30 Prozent).

Der Skandal mit diesen Restschulen ist ein doppelter. Erstens ist es ja kein Zufall, dass sich die Benachteiligten der Gesellschaft in bestimmten Einrichtungen konzentrieren. Es ist niemand anders als der Staat, der durch ein schulisches Apartheidsystem von Auslese und Nichtförderung gezielt Rütli-Schulen erzeugt. Zweitens hört man nicht selten, man könne ja wohl „diese Leute“ nicht noch auf die anderen Schüler loslassen – etwa die von Realschulen. Das ist ein sozialdarwinistisches und rassistisches Argument. Aber es taucht beinahe überall auf, bei Abendgesellschaften genau wie bei Bildungstagungen in feinen Akademien.

Es wird Zeit, dass wir widersprechen. Dass wir denen, die immer noch nicht kapiert haben, was Selektion heißt, beibringen, was Demokratie nicht verträgt: Zehnjährige durch staatlichen Zwang auszusortieren und damit zur Chancenlosigkeit zu verdammen. Wir müssen die Hauptschulen abschaffen – sofort, ohne Wenn und Aber.