POLITIK UND EMOTION 2

Auf dem Terrain des Ressentiments

Knapp überm Boulevard

VON ISOLDE CHARIM

Letzte Woche sind gleich an zwei prominenten Stellen Texte über Politik und Emotion erschienen. Das bringt mich dazu, eine alte Zeitungstradition wiederaufzunehmen: den Fortsetzungsroman – hier nun als die Fortsetzungskolumne.

Was bisher geschah: Das letzte Mal stellte „Knapp überm Boulevard“ die Behauptung auf, Politik sei eine hochgradig emotionale Angelegenheit und jede Politik beruhe auf einer Gefühlsgrundlage. Nun wurde in Zeit und Spiegel – in zwei Texten mit äußerst unterschiedlicher Stoßrichtung – erklärt, in Deutschland gäbe es derzeit eine Wut der Bürger, eine allgemeine Wut gegen Regierende und Politik. Bernd Ulrich spricht mit Bezug auf Stuttgart von einem selbstgefälligen und wehleidigen „Wüten für den Status quo“, ein Kampf um Erhalt und gegen Veränderung.

Während Peter Sloterdijk in seinem Spiegel-Essay die aktuellen Proteste als Ausfluss eines sich behauptenden Bürgerstolzes, als ein Pochen auf Ehre und Ansehen versteht.

Beide so unterschiedliche Positionen stimmen jedoch darin überein, dass die Wut der Stuttgarter und die Wut, die Thilo Sarrazin mobilisiert hat, nicht voneinander zu unterscheiden sei. Sloterdijk bezieht dabei erwartungsgemäß Position für das „bewährt robuste (SPD-)Mitglied“ und stilisiert dessen Auftreten zu einem ebenso heroischen Antreten gegen die „Bürgerausschaltung“, wie es die Proteste in Stuttgart seien. Der stellvertretende Zeit-Chefredakteur hingegen mahnt, man könne nicht zwischen baden-württembergischer Wut (oder jener im Wendland) und Sarrazin-Zorn unterscheiden. So unangenehm es uns erscheinen mag: Es gäbe nicht gute und schlechte Wut.

Aufgeladene Xenophobie

Das halte ich für einen Trugschluss. Nicht weil ich meinen würde, es gäbe diese Unterscheidung doch, es gäbe eine gute und eine schlechte Wut. Nein, Emotionen haben keine spezifische Konnotation. Die gleichen Gefühle können, je nach Kontext, demokratieförderlich oder demokratieuntauglich, Ressource oder Störung sein. Es gibt keine Leidenschaften, die per se gut oder schlecht wären. Aber das, was Herr Sarrazin mobilisiert hat, ist nicht einfach Wut. Es ist Wut gepaart mit etwas anderem – mit Ressentiments. Das ist nicht schlechte Wut.

Es ist eine xenophob aufgeladene Empörung, oder vielmehr eine zornaufgeladene Xenophobie. Da geht es um Ausschluss. Das ist etwas anderes als die Bürgerproteste gegen ein Bahnhofsprojekt oder ein Atomlager, die einen ungebrochenen Sinn für „Selbstbehauptung“ unter Beweis stellen mögen.

Herr Sarrazin hingegen hat nicht einfach Wut mobilisiert. Er hat vielmehr das Terrain abgesteckt, auf dem sich jetzt die gesamte notwendige Debatte um Integration – auch jene um Versäumnisse und Fehlentwicklungen – bewegt. Ob man sich nun davon distanziert oder dies bekräftigt: Thilo Sarrazin hat die Debatte auf dem Terrain des Ressentiments angesiedelt. Das ist nicht nur etwas anderes als Wut, es ist auch Symptom einer fatalen Entwicklung.

Ja, es gibt derzeit eine offene Emotionalisierung, vielleicht sogar „frei flottierende“ Gefühle, die nach einem Thema suchen. Zum Problem wird dies aber erst dadurch, dass es sich um verschiedene Emotionalisierungen handelt.

Wenn man glaubt, Bürgerproteste und populistisch verstärkter Fremdenhass hätten dieselbe Gefühlsgrundlage, dann übersieht man das Entscheidende. Gerade weil es nicht ein und dieselbe Wut ist, die sich hier und da äußert, gerade weil es sich einerseits um Gelegenheiten zur Selbstbehauptung und andererseits um solche für Ausschlüsse handelt, entsteht eine tiefe Kluft. Gerade dadurch befördern diese unterschiedlichen aufgewühlten Gefühle jene grundlegende Spaltung der Gesellschaft, wie man sie derzeit überall in Europa beobachten kann. Nun erfasst diese langsam auch Deutschland. Es ist nicht so, dass solch eine Spaltung eine einheitliche gesellschaftliche Idylle stören würde. Es ist vielmehr so, dass hier eine große Trennlinie zwischen den politischen Emotionen aufbricht, eine Trennlinie, die die vielen Unterschiede, die uns ausmachen, in eine einzige große Differenz verwandelt.

Eine gesellschaftliche Spaltung bedeutet, dass sich eine vielfältige Gesellschaft entlang einer großen Demarkationslinie, entlang der „Migrantenfrage“, gruppiert. Und das ist fatal.