Brigitte Kronauer, Schriftstellerin

Die Unfassbare

■ 70, lebt seit den 1970ern in Hamburg. 2005 bekam sie den Georg-Büchner-Preis und den Bremer Literaturpreis. Foto: dpa

Zu den gruseligsten Orten Hamburgs gehört zweifellos das Elbe Einkaufszentrum, eine aus dem Boden gestampfte Shopping-Zone, die über die Jahre sämtliche alteingesessenen Lebensmittel-, Schreibwaren- und Schuhgeschäfte der Elbvororte plattgemacht hat. Dem Monstrum ließe sich problemlos die Daseinsberechtigung absprechen, wäre es nicht mit Brigitte Kronauers Roman „Teufelsbrück“ zum Schauplatz von Weltliteratur geworden. Und das mit einer höchst unwahrscheinlichen Szene – vor dem Schaufenster des Schuhfilialisten Goertz!

So ist das bei Kronauer: Literatur ist überall. Zuallererst aber in unseren Köpfen. Schreiben, bemerkte Kronauer einmal in der Zeitschrift konkret, könne nicht Wirklichkeit abbilden, sondern nur die Fiktionen, die wir Tag für Tag, Satz für Satz produzieren. Ist es da nicht schön, dass das Hamburger Abendblatt im Fall Kronauer gerade haarscharf an der Wirklichkeit vorbeischrammte – und ihren heutigen 70. Geburtstag auf gestern verlegte?

Ein Problem aber bleibt: Was soll man über eine Frau schreiben, die unreflektierte Realistik für Unsinn hält, und die, dem Augenschein nach, mindestens 10 Jahre jünger ist, als sie zu sein behauptet? Von der dpa zu ihren literarischen Anfängen befragt, sagte Kronauer: „Ich hatte als Kind eine furchtbare Schrift und musste darum zu Hause Schönschreibübungen machen. Ich konnte meinen Vater aber überreden, eigene Geschichten schreiben zu dürfen.“ Wirklich? Fing es so an?

Eine komplexere literarische Urszene findet sich bei Kronauer in der fabelhaften, mutmaßlich autobiographisch gefärbten Prosasammlung „Die Kleider der Frauen“: Da sitzt die Erzählerin Rita als kleines Mädchen nach einer vermeintlichen Ungezogenheit unter einem Karton, hört einem Küchengespräch zu und erzittert wie nie zuvor, als ein mit den Eltern befreundeter Schriftsteller sagt, ihr, Rita, müsse wohl mal das „Ärschchen“ versohlt werden.

Kronauer schreibt lustvoll, vergnüglich – und dabei poetologisch so ausgefuchst, dass immer etwas offen bleibt. Mit Sicherheit lässt sich über Kronauer ohnehin nur eins sagen: Man muss sie lesen. MAP