■ Studien in der verborgenen Welt unter den Männerunterhemden

Die Bauchnabelforscherin

Konstanz (taz) – Das milde Klima des Bodensees ist an der Berufskleidung abzulesen: Prof. Claire Fogel trägt unterm weißen Kittel ein kurzes Top, darunter liegt lebensfroh wie die Insel Mainau ihr gepiercter Bauchnabel mit dem goldenen Ring. Wir laufen durch die langen Flure des Konstanzer Institutes für Textilbionik (KIT) in Prof. Fogels Büro. „Das KIT ist weltweit führend in der experimentellen Analytik von Körperbewegung und Kleidungsabrieb.“

Die erst 31jährige Fogel leitet am KIT ihren eigenen Fachbereich: die Bauchnabelforschung. „Wenn ich an einem nackten Männerkörper hinunterblickte, blieben meine Augen immer schon am Bauchnabel hängen, und ich fragte mich: Wo kommen diese verdammten Wollmäuschen her?“ Sie spricht von jenen kleinen gräulich- hellblau-weißen Bällchen im schrumpeligen Hautkrater. „Los, zeigen Sie mal her!“ Die Jungforscherin ist aufgesprungen und geht mir an die Wäsche. Es kitzelt ein bißchen, dann ist das Untersuchungsobjekt extrahiert. „Aha: Meistens ist es nur so groß wie bei Ihnen und sitzt fest im hinteren Bauchnabelbereich, aber manchmal füllt die flaumige Kichererbse den gesamten Hohlraum aus.“ Prof. Fogels Augen blinken. „Interessant, die Konsistenz ist filzig bis wollen, bei der Sektion zerfällt es in flusige Schuppen.“

Claire Fogel befördert die Fusselkugel vorsichtig in ein Reagenzglas und läßt sich wieder in ihren schwarzen Ledersessel unter einem Kunstdruck von Edward Hoppers „Baumwollfelder bei Beaumont“ fallen. Wie kam es denn zur Gründung ihres Fachbereiches? „In meiner Promotion habe ich herausgefunden, daß die schönsten Flusenperlen unter Unterhemden produziert werden“, so Fogel. „Und die Schiesser AG im benachbarten Radolfzell hatte Angst vor einem Skandal: ein Unterhemd mit unerforschten Nebenwirkungen! Seitdem sponsert Schiesser meine Feinripp-Professur.“ Gerne nehme ich die Einladung an, mich im Bereich des Nabellabors umzusehen. „Mittlerweile reisen die Typen von weither an, um ihre Näbel untersuchen zu lassen. Viele Männer haben Angst, sie seien die einzigen, die Flusen absondern.“ In einem Gerüst ist ein dünner Mann festgeschnallt, mit nichts weiter als einem weißen Unterhemd bekleidet. Obwohl er in absoluter Starre verharrt, muß Prof. Fogels Assistentin alle vier Stunden seine Bauchnabelmuschel von den Verunreinigungen befreien. „Es ist frappierend“, die Textilbionikerin hält einen Moment inne, „der menschliche Körper scheint diese Kokons quasi vegetativ abzuscheiden, und die Knödelchen sind hellblau, obwohl unser Proband nur weiße Unterhemden trägt.“ Und wieso produzieren Frauen keine Nabelbällchen, selbst wenn sie die gleichen Unterhemden tragen? „Nun ja, alles deutet darauf hin, daß die Fusselpartikel über die Körperbehaarung transportiert werden, und die ist bei Frauen eben weniger ausgeprägt“, erklärt Prof. Fogel. „Fraglich ist immer noch, warum sie sich dann ausgerechnet im Bauchnabel sammeln. Mein KIT- Kollege Dr. El Kurdi meint, jedes Loch neige dazu, sich selbst zu verschließen.“ Die Professorin wird in den Hochsicherheitstrakt gerufen, wo Europas modernster Flusenbeschleuniger steht und Fusselwanderungen in Schwerelosigkeit simuliert werden.

„Aber eins möchte ich Ihnen noch zeigen.“ Claire Fogel öffnet die Tür eines Behandlungszimmers: Auf dem Bett sitzt ein korpulenter Mittdreißiger mit einer Strickliesl. „Das ist Peter Pullmann“, flüstert Prof. Fogel, „unser traurigster Fall. Pullmann hat die fixe Idee, seine Fussel täglich zu entfernen und zu sammeln, um daraus einen ,angoraähnlichen Fusselpullover‘ zu stricken, in dem er seinen ,Lebensabend in oberkörperlicher Geborgenheit‘ verbringt.“ Christian Kortmann