MANCHE SIND SCHWUL, ANDERE LESBISCH, LIEBE CDU. SEX IST NICHT DAS PROBLEM, DAS PROBLEM IST DIE LÜGE

Vögeln ist eine schöne Sache

Foto: Lou Probsthayn

KATRIN SEDDIG

In Niedersachsen soll also jetzt der Teil des Unterrichts, der sexuell aufklärt, an die Realität angepasst werden. Homosexualität soll zum Beispiel ein verbindliches Thema werden. Bisexualität, Transsexualität, Intersexualität, das soll alles auf den Tisch. Denn das gibt’s, das ist nicht verboten, das schadet niemandem und tut keinem weh. Menschen sind verschieden, aber nicht falsch oder verkehrt, selbst wenn sie sich nicht fortpflanzen, was gern als Hauptargument von Idioten für die einzige „Normalität“ von Heterosexualität gilt.

Idioten sind das, da geh ich nicht von ab, weil Fortpflanzung in unserer, selbst heterosexuellen Sex-Welt, eine verschwindend kleine Rolle spielt. Der Durchschnittsdeutsche dürfte dann zum Beispiel einskommafünfmal in seinem Leben Geschlechtsverkehr haben. Ansonsten verhütet er „unnormal“ und ab und an gibt sich der ganz „normale“ Heterosexuelle der Onanie hin. Ohne seinen Sexualtrieb der Fortpflanzung in den Dienst zu stellen.

Es geht mir auch nicht mal um Liebe, das wäre schon auch ein Argument, dass jeder jeden lieben sollen darf, es geht mir jetzt nur um Sex, man muss gar nicht die Liebe vorschieben, denn wenn zwei erwachsene Menschen einvernehmlich vögeln können, weil sie da Lust drauf haben, dann ist das doch schön. Wenn ich Lust auf ein Törtchen habe und jemand schenkt mir eins, dann ist das eine ausschließlich schöne Sache. Das ist so simpel und trotzdem immer noch so umstritten, dass es ein Kreuz ist.

Selbstverständlich, liebe Kommentatoren von Tageszeitungen und CDU-Mitglieder, gehört die Aufklärung zu diesem Thema in den Schulunterricht, weil das etwas ist, was unsere Kinder wirklich auf das Leben vorbereitet. Weil das ein sehr wichtiger Teil des Lebens ist, ein sehr wichtiger Teil ihrer Identität. Einige Kinder sind schwul oder lesbisch, einige ahnen oder wissen es, andere wissen es noch nicht. Was gibt es Wichtigeres, als allen Kindern zu sagen: Es ist offiziell, ihr seid in Ordnung, ihr seid sogar vollkommen normal, egal was Tante Vera sagt, egal was Onkel Wilfried sagt, egal was die Nachbarskinder euch hinterherrufen. Worüber wir reden, das wird normal, worüber wir immer wieder reden, das wird endlich normal, weil es das ist.

Frau Bertholdes-Sandrock, die Schulexpertin der CDU-Landtagsfraktion, würde ich gerne fragen, ob sie Kinder, Enkel, Nichten, Neffen hat. Ob sie denen erklären kann, warum sie meint, dass sie vielleicht zu einem Menschen heranwachsen werden, den man nicht allein vor eine Schulklasse stellen sollte? Würde ich sie gerne fragen. Und alle die Leute, die sich so erbittert gegen die Erweiterung des Sexualkundeunterrichtes wehren: Wovor haben sie Angst? Was genau sollte, wie Frau Bertholdes-Sandrock das formulierte, die Heranwachsende, an der Thematisierung von lesbischem Sex zum Beispiel, überfordern? Die Realität? Die Welt, wie sie ist? Die Menschheit foltert, mordet, vergiftet und vernichtet. Die Menschheit lügt, betrügt, unterdrückt und rottet aus. So ist die Welt. Das lässt sich nicht verheimlichen. Das sieht ein Heranwachsender jeden Tag, wenn er Augen und Ohren hat.

Das Schöne aber, das ist zum Beispiel immer noch Sex. Sex ist eine ganz wunderbare Sache, eine der wunderbarsten Sachen überhaupt, wenn man ihn kann, wenn man weiß und lernt und übt und wenn man nicht eingeschüchtert und verbogen, verklemmt und von der Umwelt sich selbst entfremdet wird. Wenn man ihn frei und glücklich ausüben kann, wie es einem zugedacht ist. Wegen mir von Gott, oder von der Natur, je nachdem, denn sie hat uns alle hervorgebracht, so wie wir sind. Das aber soll die Heranwachsenden überfordern oder schockieren? Was für ein Unsinn, was für eine Verbohrtheit! Von Sex, liebe CDU, liebe protestierenden Elternräte, geht nicht die Gefahr aus, Gefahr geht nur von der Lüge aus. Von der Lüge und vom Hass. Katrin Seddig ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg, ihr jüngstes Buch, „Eheroman“, erschien 2012 bei Rowohlt. Ihr Interesse gilt dem Fremden im Eigenen.