ARNO FRANK über Geschöpfe

Die größte Gefahr dieses Sommers

„Rettet Knut armes Krebs-Mädchen?“ – gesammelte Nachrichten aus der wunderbaren Welt der Tiere

Knut, klar. Was in der bunten Welt von Fauna und Flora sich sonst so zuträgt, das übertrage ich stets fleißig in mein kleines schwarzes Notizbuch. Leider lesen sich diese gesammelten Nachrichten meistens gar nicht gut oder gar herzerfrischend, wie ich neulich mal wieder feststellen musste. Zynisches und Menschenverachtendes notierte ich da: „Rettet Knut armes Krebs-Mädchen?“, fragte da die Bild. Oder: „Tigerhai vor Florida nascht Schwimmer ein Bein ab“, oder „Raupenplage in Südeuropa: Prozessionsspinner (Katholiken?) treiben Kammerjäger in die Flucht“.

Auch schlimm: „Süßwasserkrokodil in Mexiko verschleppt Kleinkind (Süßwasser?)“, was wohl kaum wieder wettgemacht werden dürfte von: „Tapferer Terrier in Neuseeland rettet Kleinkind vor Pitbull-Attacke und beißt selbst ins Gras. Weltpresse berichtet, ein Vietnamveteran in den USA liest es. Gerührt steckt er seinen ‚Purple Heart‘-Orden in einen Umschlag und schickt ihn an das Frauchen des heldenhaften Vierbeiners etc. pp.“, ein klassisches Rührstück eben.

Leider setzen sich viele Journalisten gerne über den alten römischen Rechtsgrundsatz „audiatur et altera pars“ hinweg, auch die andere Seite anzuhören: „Ich wollte doch nur spielen“, würde dann vielleicht der Pitbull mit zerknirschter Miene zu Protokoll geben, „ein wenig an dem kleinen Schreihals schnuppern und so. Ich habe sogar ganz deutlich mit dem Schwanz gewedelt! Und dann taucht da plötzlich dieser hysterische kleine Kläffer auf, beißt sofort zu … verdammt, es war Notwehr!“

In Schweden beispielsweise wurde kürzlich eine Herde Elche probeweise mit einer Auswahl verschiedener Streusalze verköstigt. Weil die Viecher ständig hinter irgendwelchen Kurven auf der Straße stehen, um das leckere Salz vom Asphalt zu lecken, wollten die Forscher herausfinden, welches Salz den Tieren so gar nicht schmeckt. Wäre Wolfram Siebeck ein Elch, er schriebe schäumend in seiner Zeit-Gastrokritik: „Explodiert auf der Zunge wie eine Handgranate, ist im Abgang bitter wie eine Enttäuschung. Nährstoffe? Fehlanzeige! Wenn das so weitergeht, dann wird bald das komplette Straßennetz zwischen Malmö und Uppsala zur kulinarischen No-Go-Area.“

Womöglich läsen sich die apokalyptischen Meldungen über das mysteriöse Verschwinden ganzer Bienenvölker in den offiziellen Verlautbarungen dieser staatenbildenden Insekten nur noch halb so wild. Irritiert würden sie unsere Besorgnis zur Kenntnis nehmen und beschwichtigen: „Auch wir dürfen unsere Facettenaugen nicht länger vor den Herausforderungen der Globalisierung verschließen. Wir können es uns nicht mehr leisten, gemütlich von Blume zu Blume zu bummeln. Um am Markt auch weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben, müssen wir flexibilisieren, outsourcen und downsizen. Wir bitten um Verständnis und hoffen, dass Sie sich deswegen nun nicht einem anderen Anbieter zuwenden.“

Ausgerechnet die Bild-Zeitung hatte unlängst den Mut, sich einer Plage von wahrlich biblischen Ausmaßen zuzuwenden, nämlich der „größten Gefahr dieses Sommers“. Tja, wer lauert denn da „überall und wird immer mehr“? Nicht nur „im Wald, sondern auch auf Wiesen, in Parks, Schwimmbädern, auf Spielplätzen, Schulhöfen, Sportplätzen und im eigenen Garten“? Überall, „wo Abfalleimer, Komposthaufen sind“? Wer bevorzugt „Kniekehlen, Achseln, Bauchnabel, Bauchfalten, Genitalien“, um tückisch seinen „Stechrüssel tief in die Haut des Opfers“ zu bohren „und dabei Blut abzupumpen“? Wobei „Bakterien und Viren in den Kreislauf des Menschen“ geraten? Wessen Opfer werden zunächst „nicht selten als Hypochonder zum Psychiater geschickt“, bevor, „am Ende des oft Jahre dauernden Leidensweges“, die Betroffenen „nicht mehr berufsfähig sind, Freunde und Familie sich abwenden“? Wer tut so was?

Mag sein, dass es sich um Zecken handelt. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, jemals eine so ehrliche und treffende Selbstbeschreibung der Tätigkeiten eines Bild-Reporters gelesen zu haben. Respekt!

ARNO FRANK

GESCHÖPFEFragen zur Zecke? kolumne@taz.de Morgen: Barbara Bollwahn ROTKÄPPCHEN