Eine unwürdige Schulform

KOMMENTAR VON CHRISTIAN FÜLLER

Und wieder kommt einer und ruft: Der Kaiser ist nackt. Genauer: Eure Schule ist spalterisch und diskriminierend.

Vernor Muñoz ist nicht der erste internationale Besucher, der sich beim Anblick der deutschen Schulen die Augen reibt. Erst waren es die Freunde aus Amerika, die fragten: Ist es wirklich klug, schon übers Studium entscheiden zu müssen, wenn die Kinder zehn Jahre alt sind? Dann beleuchtete der Pisa-Gutachter Andreas Schleicher mit vielen Zahlen, dass das ganze Bildungssystem schief steht. Und nun also Señor Muñoz, der im Auftrag der UN die Schulen rügt. Wer soll eigentlich noch kommen, damit die Kultusminister, die Eltern, die Nation endlich begreifen: Mit der Schule stimmt es hinten und vorne nicht. Der liebe Gott?

Vernor Muñoz, der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung, hat etwas Besonderes geschafft. Er hat mit dem Zeigefinger auf eine Schulform gezeigt, die in Deutschland kaum jemand hinterfragt, die aber ein Skandal ohnegleichen ist: die Sonderschule, wie wir sie nennen, die Hilfsschule, wie sie früher hieß, die Förderschule, wie sie die Kultusminister heute gern verhübschen. Diese Anstalt ist historisch und soziologisch einer demokratischen Gesellschaft unwürdig.

Früher steckte man all jene in die Sonderschule, die vermeintlich debil waren. Damit „die Volksschule andere Aufgaben lösen konnte, als sich mit geistig Schwachen und Stumpfsinnigen herumzumühen“. So konnte man 1864 über die Hilfsschule denken und schreiben. Aber heute? Und doch praktiziert dieses Land die Aussonderung noch immer – und sogar in verschärfter Form. Inzwischen landen auch Schulmüde, Verhaltensauffällige und sogenannte Lernbehinderte dort, nicht selten sogar Hochbegabte.

Von ihren Befürwortern wird die Sonderschule gerne als Schonraum gepriesen. Tatsächlich ist sie eine quasi geschlossene Anstalt, die ihre Schüler aus der Gesellschaft ausschließt und sie dümmer macht. Die Sonderschule ist ein Lernghetto. Und ein augenfälliges Symbol dafür, dass unser Schulwesen auf dem Gedanken der Selektion beruht. Um das zu ändern, brauchen wir nicht auf den lieben Gott zu warten. Wir können es selbst tun.