DER VERGESSENE ERSTE ISLAMISTISCHE MORD IN DEUTSCHLAND

In Erinnerung an Celalettin Kesim

Deniz Yücel

Noch vor ein paar Tagen hingen an der unscheinbaren Skulptur, die in der Mitte der Brache zwischen der Skalitzer und Kottbusser Straße in Berlin-Kreuzberg steht, rote, schon angewelkte Nelken. Inzwischen sind sie verschwunden. Dabei ist es keine zwei Wochen her, dass jemand dort die Blumen befestigt hat. Am 5. Januar nämlich, als sich, wie jedes Jahr zu diesem Datum, dort vielleicht 50 Leute versammelt hatten. Eine Parallelgesellschaft. Denn nur die wenigsten Kreuzberger dürften noch wissen, warum sich diese Menschen – ergraute türkische Linke und eine Handvoll deutsche – versammelt hatten. Merkwürdig eigentlich. Schließlich ging es um einen politischen Mord. Den ersten und für lange Zeit letzten, der hierzulande von Islamfaschisten verübt wurde.

Das Opfer hieß Celalettin Kesim, war damals 36 Jahre alt, Familienvater und Berufsschullehrer. Er war Sekretär eines Vereins namens „Berliner Türkenzentrum“ und Mitglied der sowjetmarxistischen Kommunistischen Partei der Türkei (TKP). Am Morgen des 5. Januar 1980 hatte er mit Freunden am Kottbusser Tor Flugblätter verteilt, als sie von einer Gruppe angegriffen werden, die mit Messern, Knüppeln und Eisenketten aus der nahe gelegenen Mevlana-Moschee herausstürmten. Die gehört zur islamistischen Milli-Görüs-Bewegung, die in diesen Tagen gemeinsam mit den faschistischen Grauen Wölfen (MHP) an der Regierung des konservativen Politikers Süleyman Demirel und seiner Gerechtigkeitspartei beteiligt ist. In der Türkei liefern sich damals Graue Wölfe und Islamisten auf der einen und Linke auf der anderen Seite jeden Tag Schießereien.

„Allah, Allah“, rufen die Angreifer. Kesim wird durch einen Messerstich am Oberschenkel verletzt. Seine Freunde können ihn bis zum Landwehrkanal tragen, wo er verblutet.

Wer heute die Dokumentation durchblättert, die das Türkenzentrum damals herausgab, wundert sich über das partielle Interesse der deutschen Öffentlichkeit. Ein paar Politiker forderten eine Verschärfung des Ausländerrechts, „Türken-Krieg mit Fleischermesser: 1 Toter“, meldete die Berliner Ausgabe der Bild-Zeitung auf knapp fünf Zeilen. Die deutsche Linke interessierte sich hingegen schon. Über 10.000 Menschen laufen beim Trauerzug mit. Auf den Bildern sieht man Demonstranten mit schwarzen wie blonden Schnäuzern, die auf Transparenten fordern: „Verbot aller faschistischen Organisationen.“ Und: „Abschiebung aller Faschisten“.

Beides wäre heute kaum denkbar, das flapsige Desinteresse der Bild, wie der Umstand, dass Linke Abschiebungen fordern. Wie aus Ausländern Andersgläubige wurden, aus Türken Muslime und aus Kommunisten – ja was eigentlich? –, das ist eine andere Geschichte. Damals hätte man nicht mal eben von der ethnischen Herkunft auf die Religion geschlossen und weltweit von 1,6 Milliarden und deutschlandweit von 4,25 Millionen Muslimen gesprochen.

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Vor einigen Jahren wurden an der Brache mit dem Gedenkstein für Kesim ein paar Bänke aufgestellt. Nur einen Namen hat der kleine Platz immer noch nicht.

Besser: Diese Ecke heißt künftig Celalettin-Kesim-Platz.