nebensachen aus rom

Das „fahrende Volk“: Ein Schreckgespenst geht um

„Zigeuner stehlen Kinder.“ Jedes Kind glaubte früher diese Mär, quer durch Europa war sie gut dafür, Schrecken zu verbreiten. Gott sei Dank kursiert die üble Lügengeschichte heute nirgendwo mehr. Außer in Italien. Gespräch mit einer Bekannten, vor etwa drei Wochen: „Man glaubt es kaum, was der Schwester der Nachbarin meiner Schwägerin am letzten Samstag im Zio d’America (einem Einkaufszentrum) passiert ist. Die hatte einen Moment nicht aufgepasst – und schon war ihre dreijährige Tochter verschwunden. Gott sei Dank hatte die Geschäftsleitung sofort alle Türen zusperren lassen. Und tatsächlich haben sie dann drei Zigeunerinnen erwischt, die hatten das Kind im Nu in einer Umkleidekabine komplett umgezogen und ihm den Kopf geschoren. Das Mädchen war gar nicht mehr wiederzuerkennen.“ Tausende Fälle dieser Art, mit der immer gleichen Technik – umziehen, Haare scheren – haben sich in den letzten Jahren in Umkleidekabinen von Turin bis Palermo, von Triest über Mailand bis Bari zugetragen, genauso oft aber haben die Kaufhauschefs mit ihrer blitzschnellen Reaktion Schlimmes verhindert.

Merkwürdig bloß, dass nicht längst tausende Roma-Frauen wegen versuchten Menschenraubs in Italiens JVAs einsitzen, merkwürdig auch, dass von keinem dieser Entführungsfälle je etwas in einer Zeitung stand. Den Einwand wischt die Bekannte beiseite. Ob ich die Geschichte vom Strand bei Palermo am Sommeranfang etwa nicht mitbekommen hätte? Anfang Juli war da tatsächlich eine 45-jährige, aus Rumänien stammende Roma-Frau festgenommen worden, unter der Anschuldigung, sie hätte einen dreijährigen Jungen von einem belebten Strand entführen wollen. Schließlich hatte eine Zeugin versichert, sie habe gesehen, wie die „Nomadin“ (üblicher Sprachgebrauch der italienischen Presse) versucht habe, ihren weiten Rock über das Kind zu breiten.

Die Polizei fand nichts dabei, auf diese an sich schon dünne Aussage hin – andere Zeugen auf dem proppevollen Strand gab es nicht – die „Täterin“ sofort einzusperren. Und selbst angeblich seriöse Blätter wie die linksliberale La Repubblica fanden nichts dabei, die arme Rumänin sofort ganzseitig an den Pranger zu stellen. Nach drei Tagen dann setzte der Staatsanwalt die „Täterin“ auf freien Fuß. Seine Verfügung sparte nicht mit harschen Tönen: Opfer einer „Kollektivpsychose“ sei sie geworden. Die Zeugin? Sie gestand, so genau habe sie das mit dem Rock nun auch wieder nicht gesehen, aber Zigeuner jagten ihr nun einmal einen „furchtbaren Schrecken“ ein.

Kein Wunder, wie gerade dieser Fall wieder belegt. So haltlos die Kaufhausstory ist – sie macht jetzt bezeichnenderweise auch in der Strandvariante die Runde –, so sehr spielen doch Medien und Polizei immer wieder gerne mit, wenn die Anti-Roma-Hysterie als Selffulfilling Prophecy vorgeblich „echte“ Fälle produziert. Die angeblich tausende Entführungsfälle der Kaufhauslegende mögen in keiner Zeitung stehen – der mit ihnen in die Welt gesetzte Generalverdacht aber ist für die Journalisten eine reiche Fundgrube.

Dabei ist die Antwort eigentlich bekannt: Ein Staatsanwalt aus Mailand erklärte in diesem Sommer, nicht eine einzige Kindesentführung in Italien gehe auf Roma zurück. Oder, um mit der in Palermo am Strand festgenommenen Roma-Frau zu sprechen: „Ich habe schon fünf Kinder, die ich nicht satt kriege, von denen eines schwer krank ist. Wieso um Gottes willen sollte ich mir ein sechstes Kind rauben?“ Eigentlich plausibel – wenn da nicht die Geschichte wäre von der alten Freundin des Studienkollegen des Cousins, im Kaufhaus … MICHAEL BRAUN