DAS DETAIL

Dressed to kill

SCHOCKROCK In der Türkei nehmen die Proteste gegen Frauenmorde neue Ausmaße an. Auch Männer gehen auf die Straße – im ganz besonderen Outfit

In den Fokus geraten durch die brutale Ermordung der Studentin Özgecan Aslan, die sich gegen den Vergewaltigungsversuch eines Busfahrers gewehrt hatte, verzeichnen die Proteste gegen Gewalt gegen Frauen in mehreren türkischen Städten immer mehr Zulauf. Die mediale Aufmerksamkeit, die dem Thema gewidmet wird, mag neu sein. Das Anliegen ist ein uraltes. Schon seit Jahren trifft sich eine Gruppe von Frauen wöchentlich in Istanbul, um auf die stark gestiegene Zahl an Frauenmorden aufmerksam zu machen, die die Regierung jahrelang unter den Teppich gekehrt hat. Allein im vergangenen Jahr sind 294 Mordfälle in der Türkei bekannt geworden, deren Opfer Frauen waren, und in etwa der Hälfte der Fälle handelte es sich bei den Tätern nachweislich um Familienangehörige, entgegen deren Willen und Vorstellungen die Frauen gehandelt hatten (Scheidung, Ablehnung einer Heirat, Auszug aus dem Elternhaus etc.).

Neu ist am gegenwärtigen Aufstand die Anzahl teilnehmender Männer. Und die haben sich am Wochenende etwas besonders Schönes einfallen lassen: Statt einfach nur Slogans auf Transparenten durch die Straßen zu tragen, entschieden sich zahlreiche Männer, im MINIROCK zu protestieren.

Das seit den 1960er Jahren nie aus der Mode gekommene Kleidungsstück genießt in der türkischen Gesellschaft nämlich kein besonders hohes Ansehen. Aus islamisch-konservativen Kreisen heißt es immer wieder, dass sexuell aufreizende Kleidung mitverantwortlich für Missbrauch und Vergewaltigungen sei. Dieses Narrativ reiht sich in die Reformbemühungen der AKP-Regierung ein, die früh heiratende Studentinnen mit der damit entfallenden Rückzahlung ihres Studienkredits und mehrfach gebärende Frauen zukünftig mit Goldmünzen belohnen möchte. Ist das etwa die Art von „Schutz“, den Premierminister Davutoglu nach dem Mord an Özgecan Aslan seinen „Schwestern und Töchtern“ versprach?

Als Gegenpol zu solch patriarchalem Gelaber ist der Mann im Minirock äußerst effektiv. Denn er spielt sich nicht zum mächtigen Beschützer der hilflosen „Töchter“ auf, sondern zeigt unbedingte Solidarität mit der Selbstbestimmung der Frau. FAY