: Honecker: Bündnisse auf lange Sicht ersetzbar
■ DDR–Chef Erich Honecker sieht „Licht und Schatten“ in deutsch–deutschen Beziehungen / Verhältnis zur BRD nicht vom Wahlausgang abhängig / Kein Interesse an Trennung Westeuropas von den USA / Optimistisch für Abrüstungsverhandlungen
Washington (ap) -Der DDR– Staatsratsvorsitzende und SED– Generalsekretär Erich Honecker will das Verhältnis zur Bundesrepublik nicht vom Ausgang der Bundestagswahlen am 25. Januar abhängig machen. In einem Interview der amerikanischen Zeitschrift „U.S. News and World Report“ sagte Honecker, in der gegenwärtigen Bonner Koalitionsregierung gebe es „Licht und Schatten“. Die DDR gründe jedoch ihr Verhältnis zu allen westlichen Staaten auf das Prinzip der friedlichen Koexistenz und nicht auf die Zusammensetzung der jeweiligen Regierung. Auf die Frage, ob eine Verbesserung der deutsch–deutschen Beziehungen auf eine sozialdemokratische Regierung in Bonn warten müsse, antwortete der Parteichef: „Es sind Fortschritte erzielt worden. Aber es hat auch Rückschläge und Störungen gegeben wegen des Bonner Glaubens, daß Realitäten außer acht gelassen und Beziehungen mit uns auf Doktrinen aufgebaut werden können, die längst bankrott sind.“ Das amerikanische Magazin veröffentlicht das Mitte Dezember geführte Interview in seiner Ausgabe vom 12. Januar. Honecker trat in dem Gespräch für einen vertieften Dialog mit den USA ein. Die Möglichkeiten für beiderseitig nützliche Zusammenarbeit, auch im Handel und Kulturaustausch, seien bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Honecker bezeichnete das gegenwärtige Bündnissystem als eine Realität. Die DDR habe keinen Grund, sich „von einer sozialistischen Großmacht zu distanzieren“ und habe auch kein Inter esse daran, Westeuropa von den USA zu trennen. Der Parteichef ergänzte: „Auf lange Sicht könnte es möglich sein, die Bündnisse durch ein effektives Sicherheitssystem zu ersetzen. Worauf es jetzt ankommt, das ist ein Herunterschrauben der Konfrontation. Das kann aber nicht durch eine Lockerung der Bündnisbeziehungen erreicht werden.“ Optimistisch äußerte sich Honecker zu den Aussichten für die Abrüstungsbemühungen im neuen Jahr. Bei den Wiener MBFR–Verhandlungen über eine ausgewogene Truppenreduzierung in Mitteleuropa sei es nach 13jähriger Konferenzdauer höchste Zeit, zu einem Abschluß zu gelangen. Hinsichtlich der Mittelstreckenraketen könne auf der Einigung des Gipfeltreffens von Reykjavik aufgebaut werden. Die Errichtung eines atomwaffenfreien Korridors in Mitteleuropa könnte diesen Fortschritt noch vertiefen. Honecker sagte, angesichts der großen Möglichkeiten sei nun eine Politik nötig, die diese Chancen in die Wirklichkeit umsetze.
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