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Weniger wäre mehr

 ■ S T A N D B I L D

(Täglich Fernsehen, 31.1., 22 Uhr 45, ZDF) „Muß erst aus der Flut der Bilder eine Sintflut werden?“ fragt besorgt der „Fernseh„-Pfarrer bei seinem Wort zum Sonntag aus der Glotze. Hätte Volker Anding diese Warnung des Kirchenmannes in seinem kleinen Fernsehspiel ernst genommen, dann wäre er ein Weiser gewesen. So aber, ergoß sich eine Flut von Szenen, Bildern und dokumentarischen Mitschnitten über den Zuschauer, die ihn förmlich ertrinken ließ. Dabei war die Spielfilmhandlung noch ganz einfach, eine ganz normale Fernsehfamilie sozusagen: da ist Frau Arend, die via Monitor, ihr Baby beim Kochen beobachtet, ihr Gatte, der den ausgeliehenen „Watchman“ auch mit in die Badewanne nimmt, der televisionäre Sohn, der seine Umwelt nur noch durch die Optik eines Fernsehjournalisten sieht, „Meine Damen und Herren, sie sehen hier..., und dann noch die Tochter Alice, der es mit ihrer Zauberkraft gelingt, den ins Badewasser gefallenen Handfernseher nicht nur wieder zu reparieren, sondern ihm eine weitere Funktion zu geben: er wird zum Hand -Rasierapparat. Schließlich die Nachbarin Frau Bertram, die den alten Apparat ihres verstorbenen Mannes zärtlich hegt und pflegt: „Deine Fernsehtruhe, dein ein und alles, mit ihr hast du mehr Zeit verbracht, als mit manchem Menschen.“ Das ist der Rahmen, der dazu dient, einen Einblick zu geben in das bundesrepublikanische Fernseh-Wunderland. Einen Einblick auch in die Geschichte des Mediums, als die Bilder laufen lernten: als Willi Brandt anno 1961 den Knopf für die Farbe drückte und als die Nachrichtensprecherin des Reichspostministeriums eine Postversuchssendung ankündigte: „Der Fernsehsender ist das Auge der Welt.“ Hier wurde das Medium Fernsehen demonstriert, wie es unseren Alltag strukturiert, wie es zu ihm gehört und wie es Teil von uns geworden ist. Am Ende allerdings ist man froh, daß der Film früher endet als im Programm ausgedruckt, zu laut, zu grell und zu bunt war dieses tägliche Fernsehen. Weniger wäre hier mehr gewesen. Und so legt man sich in mitternächtlicher Stunde entspannt zurück, wenn die Briefe aus der Provinz, die regenverhangenen Bilder aus dem Emsland zeigen und so einen nahtlosen Übergang in den wohlverdienten Schlaf ermöglichen.

ks

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