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Abrißbirne schwebt

■ In der Neuköllner Weisestraße48 sollen die restlichen Bewohner zum „stummen Abzug“ bewegt werden

Verstopfte Abflußrohre, knietiefer Fäkalienschlamm im Keller, eine defekte Dachrinne, die dafür sorgt, daß Keller und Parterrewohnungen vollständig durchfeuchtet werden - den Bewohnern der Weisestraße48 wird es nicht gerade leicht gemacht, für den Erhalt „ihres“ Hauses zu kämpfen. Die Abrißbirne schwebt über ihren Köpfen, denn die Eigentümergesellschaft Abakus GmbH will auf dem Grundstück einen Neubau errichten. Elf der insgesamt 20 Ein- bis Zwei -Zimmer-Wohnungen stehen bereits leer, nach Angaben der verbliebenen Mieter wurde schon seit drei Jahren nicht mehr neu vermietet. „Das Haus verrottet, weil bestehende Mängel einfach nicht behoben werden“, erklärte gestern Stefan Grieger, einer der Bewohner auf einer Pressekonferenz. „Damit“, vermuten die Bewohner, sollen sie zum „stummen Abzug“ bewegt werden.

Die Abrißgenehmigung wurde der Abakus durch den Bezirk bereits am 31.Mai erteilt - und das, obwohl ein vom Stadtplanungsamt in Auftrag gegebenes Gutachten im September '88 aufgrund der erhaltenswerten Bausubstanz des Hauses einen Modernisierungsvorschlag machte. Dafür hätten jedoch 1,3 Millionen Mark veranschlagt werden müssen - und das war der damals im Bezirk regierenden CDU zu teuer: Bereits im Oktober letzten Jahres beschloß die BVV, die Weisestraße48 abzureißen. Ganz im Sinne des alten und neuen CDU -Baustadtrats Wolfgang Branoner: Schließlich müßten hier Baulücken geschlossen werden - da das Vorderhaus bereits im Krieg zerstört wurde, erstreckt sich zur Straße hin ein großer Hof - und mit 70 Prozent verfüge Neukölln bereits über ausreichend Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen. Nur - mit einem Mietpreis von lediglich 3,336Mark/qm, wie in der Weisestraße, können wohl die wenigsten dienen. Entsprechend vermuten die Bewohner, „daß der Bezirk mit zahlungskräftigeren Bürgern bestehende soziale Probleme kaschieren will“. Zwar muß die Abakus den Mietern noch angemessenen Ersatzwohnraum anbieten - die bisherigen Angebote lagen mit sieben bis acht Mark pro Quadratmeter für die meisten viel zu hoch; zwar spricht der rot-grüne Senat von „weitgehendem Erhalt“, und die Bewohner wollen auf „juristischem und öffentlichem Wege“ alles tun, um die Weisestraße48 zu erhalten - das Brummen der Abrißbagger ist jedoch kaum zu überhören.

Martina Habersetzer

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