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Polen und das Jalta-Syndrom

Deutschlands Einheit ohne Rücksicht auf die polnischen Sicherheitsinteressen?  ■ K O M M E N T A R E

Zu den Gemeinplätzen des polnischen Geschichtsverständnisses, die die Festigkeit eines Volksstereotyps erlangt haben, gehört die Vorstellung von der Zwangslage Polens zwischen Rußland und Deutschland. Nachdem Stalin mit seiner über die Landkarte Polens gezeichneten Paraphe die zwischen ihm und Nazi-Deutschland verabredete vierte Teilung Polens besiegelt hatte, blieb den Polen nur der bewaffnete Widerstand im Innern und der Kampf an der Seite der Alliierten an fast allen Fronten des 2. Weltkriegs. Aber weder die Existenz einer anerkannten Exilregierung noch die ungeheuren Verluste an Menschen und Gütern verschafften Polen einen Platz am Beratungstisch der Anti-Hitler-Koalition. Von den Westmächten gedrängt, stimmte die polnische Regierung der Westverschiebung ihres Landes zu. Nach Stalins Plänen sollte Polen hierdurch in einen immerwährenden Konflikt mit Deutschland gebracht und an die Sowjetunion gekettet werden.

Die Machtelite, die Polen seit 1948 unumschränkt regierte, sog aus dieser Abhängigkeit ihre einzige wirkliche Legitimation. Mit der Öffnung zum Westen, dem polnisch -deutschen Vertrag und der Gründung der Solidarnosc befreite sich die polnische Gesellschaft von der scheinbar schicksalshaften Kettung an die Sowjetunion. Die Debatten, die seit den späten 70er Jahren über Deutschland geführt wurden, hatten zum Ergebnis, daß zum ersten Mal in der neueren Geschichte ein vereintes Deutschland keine Drohung mehr für die Existenz Polens darzustellen brauchte. Es ist in der Rückschau augenfällig, daß die vielfältigen Angebote an die Deutschen, über die deutsche Frage einen Dialog zu beginnen, bei uns kaum ein Echo fanden. Die Polen konnten eben zu keinem Zeitpunkt sicher sein, daß ihre Westgrenze von der Regierung und der Bevölkerung in den beiden deutschen Staaten wirklich als endgültig akzeptiert wird. Vor diesem Hintergrund muß die Verfahrensweise, mit der der deutsche Einigungsprozeß international abgesegnet werden soll, für Polen alarmierend wirken. Einmal mehr wird von den Hauptmächten der Anti-Hitler-Koalition verhandelt, ohne daß ein funktionierender Modus der Konsultation und der Mitsprache Polens vereinbart wäre, einmal mehr wächst in Polen die Furcht, man werde wieder zum Objekt der Großmachtpolitik. Das Jalta-Syndrom grassiert. Polen steht jetzt vor einer wahrhaft monströsen Situation. Eigentlich könnte mit großer Aussicht auf Erfolg über eine rasche Blockauflösung und den Abzug der sowjetischen Truppen aus Polen verhandelt werden. Aber der rabiate Durchmarsch der westdeutschen Regierung zwingt die Polen erneut in die Blockdisziplin. Ob sich allerdings die sowjetischen Truppen in der DDR „als Trumpfkarte“ für Polen in den Verhandlungen über die deutsche Einheit erweisen werden, wie der polnische Publizist J. Reiter schreibt, muß nach der offen zutage tretenden Haltlosigkeit der sowjetischen Deutschlandpolitik bezweifelt werden.

Christian Semler

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