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Mit Pianoforte durchs ABC

■ Neuseeländischer Spielfilm „Sylvia“ über eine berühmte Pädagogin, 19.45 Uhr, BR III

Schreiben sollen sie lernen, aber nicht denken. Das hat die passionierte Pädagogin Silvia Henderson sofort verstanden, als sie die pittoreske Zirkusdressur althergebrachter Lehrmethoden bei der Übernahme ihrer neuen Klasse in eine einfühlsame, kreative Arbeit mit den Kindern veränderte. Nach einem Nervenzusammenbruch zog sich die von ungebrochenem Schaffensdrang erfüllte Neuseeländerin mit ihrem Mann in eine abgelegene Maori-Siedlung der Nordinsel von Neuseeland zurück.

Der nach authentischen Vorlagen der autodidaktischen Kinderpädagogin Silvia Ashton Warner gedrehte Film beschäftigt sich mit ihren schwierigsten Jahren um 1930, in denen sie gegen den Widerstand des Establishment ihre neue Lehrmethode entwickelte.

Sehr behutsam und facettenreich schildert der Film ohne theoretisierenden Überhang, wie aus ihren persönlichen Erfahrungen des Zusammenbruchs eine Quelle der Erneuerung wird. Mit einer Mischung aus Musikpädagogik, Summerhill und naiver Psychoanalyse gelingt es Sylvia, destruktive Impulse schwer erziehbarer Kinder in Kreativität umzuwandeln. Mit ihrem revolutionären Manuskript, das darauf abzielt, Kinder ihre eigenen Lesebücher schreiben zu lassen, stößt der von Sylvia sofort faszinierte Schulinspektor im Ministerium für Bildung jedoch auf harsche Ablehnung. Ihre aus Zeichnungen und Texten liebevoll zusammengestellte Typoskript wird bei Aufräumungsarbeiten gar „versehentlich“ verbrannt.

Das neuseeländische Regisseurtrio Quill/Fairfax/Firth stellt den nur gelegentlich von Alltagschauvinismen schroff unterbrochenen Kampf Sylvias bewußt nur unterschwellig dar. In einem so harmonischen, herzlichen Film, der durch wunderschöne Landschaftsaufnahmen brilliert, erscheint es nur um so härter, wenn beispielsweise Sylvias Vermieter ihr plötzlich den Vertrag für ein mühevoll aufgebautes Schulhaus mit der Begründung kündigt, daß „eine so vielbeschäftigte Frau besser bei ihrem Mann aufgehoben wäre“.

„Ich habe die Künstlerin immer als ein Monstrum gesehen, das sich in meinen Kopf eingenistet hatte, und ich hatte keinen Platz für dieses Monstrum in meiner Familie“, beginnt der Film mit einem Originalinterview mit Silvia Asthon Warner. Daß sie diesem „Monstrum“ der Kreativität letztlich doch einen Platz einräumt, es der männlichen Domäne entriß, beweisen ihre 1963 erstmals in den USA erschienenen Aufzeichnungen ihrer außergewöhnlichen Arbeit mit Kindern, Teacher, die ihr unter anderem eine Professur in Vancouver einbrachte. Der neuseeländische Film Sylvia ist eine stille Hommage an diese außergewöhnliche Frau.

Manfred Riepe

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