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150 Kilo Uran auf Irrfahrt

■ Atomwaffenfähiges Material verschwand aus Lingener Fabrik

Hannover (taz) - Hundertfünfzig Kilogramm angereichertes Uran238 haben sich bei der Lingener Brennelementefabrik „Avanced Nuclear Fuel“ (ANF) vor vierzehn Tagen quasi „selbständig gemacht“. Ohne Genehmigung und auch ohne Wissen von Betreiber und Behörden wurde das kernwaffentaugliche Material aus der Fabrik im Emsland per Lufttransport in die USA gebracht und dort erst sechs Tage später entdeckt. Entsprechende Informationen des grünen Landtagabgeordneten Hannes Kempmann hat das Umweltministerium in Hannover gestern bestätigt. In einen Leerguttransport von Lingen nach Richland in den USA sei versehentlich ein volles und ein halb gefülltes Faß mit Uran-Pellets geraten, erklärte gestern ein Ministeriumssprecher und betonte, daß es durch diesen versehentlichen Atomtranport „natürlich zu keinem Zeitpunkt eine radiologische Gefährdung gegeben“ habe. Für den grünen Atomexperten Kempmann beweist der Vorfall allerdings, daß bei ANF in Lingen die „Bestandskontrolle von Atombrennstoffen überhaupt nicht funktioniert und daß Behälter, die die Anlage verlassen, weder auf Gewicht noch auf radioaktive Strahlung untersucht werden“. Der Transport an Zoll und allen anderen Aufsichtsbehörden vorbei sei eine klare Straftat und beweise eindeutig die Unzuverlässigkeit des Betreibers der Brennelementefabrik. Der grüne Abgeordnete verlangte die Schließung der Anlage und forderte vom Umweltministerium, auf keinen Fall vor dem Regierungswechsel in Niedersachsen die Genehmigung zur Erweiterung der ANF-Anlage zu erteilen. Der Sprecher des Umweltministeriums dagegen sah gestern in dem Vorfall nur eine Ordnungswidrigkeit. In Zukunft werde in Lingen jeder Transportbehälter „visuell“ kontrolliert, hieß es. Eine Erteilung der neuen Genehmigung noch vor dem Regierungswechsel am 20.Juni wurde nicht ausgeschlossen.

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