: Emotionales Geschnatter-betr.: "Denkzettel für Präsident Turgut Özal", (Tagesthema Seite 3), taz vom 22.10.91
betr.: „Denkzettel für Präsident Turgut Özal“, (Tagesthema Seite 3), taz vom 22.10.91
Nach den Parlamentswahlen in der Türkei geistert nun eine falsche Bewertung dieser Wahlen durch die deutschen Medienlandschaft, und auch die taz wurde leider Opfer dieser falschen Bewertung, die da lautet: „In der Türkei sind die Fundamentalisten stark im Kommen“.
Wer diese Bewertung macht, kennt entweder die wahren Verhältnisse in der Türkei nicht oder versucht absichtlich, die Türkei in ein Licht zu rücken, in dem sich dieses Land gar nicht befindet!
Tatsache ist: Die Wohlstandspartei (mit ihrem Obermollah Erbakan) hat ein Wahlbündnis mit der Nationalistischen Arbeiterpartei (des Führers Türkesch) geschlossen und 16 Prozent der Wählerstimmen eingesackt. (Eigentlich sind es bei diesem Bündnis drei Parteien, aber die dritte ist unwichtig, da sie bei Wahlen nie über eins bis 1,5 Prozent kommt.)
Nun sah das Ergebnis der Wahlen vom Juni '77 so aus: 8,6 für Erbakans Partei und 6,4 Prozent für Türkeschs Partei, also insgesamt 15 Prozent. Und zwischen diesen 15 Prozent von '77 und den 16 Prozent von '91 gibt es doch wohl kaum einen Unterschied, oder?
Von wegen „die Fundamentalisten kommen“. Das Potential, auf das sich Erbakan und Türkesch stützt, gibt es in der Türkei schon seit den fünfziger Jahren. Damals waren die liberalen und radikalen Rechten in der Demokratischen Partei vereint, aber nach dem notwendigen Putsch von 1960 spalteten sich die Radikalen unter Erbakan und Türkesch ab, um ihre eigenen Parteien zu gründen. Erbakan wird seitdem von den saudischen Rabitatü'l Alemi'l Islami, El Baraka und Faißal Finans unterstützt. Aber mit dem faschistischen Putsch von 1980 erhielten Erbakan und Türkesch Berufsverbot, und so gingen viele von ihren Stimmen an die Mutterlandspartei. Nach Aufhebung des Berufsverbots '87 kamen dann viele Wählerstimmen zurück. Dadurch kamen dann die Fundamentalisten auch wieder in den Medschliß, ins Parlament. Das einzige Erstarken dieser Bewegung besteht ja auch darin, daß sie nun wieder im Parlament vertreten ist.
Aber bezüglich des Wählerpotentials gibt es keinen besonderen Zuwachs, eher wohl eine Stagnation. Erbakan und Türkesch sind heute genauso stark wie vor 15 Jahren. Deshalb ist es vollkommen falsch, jetzt in ein so emotionales Geschnatter wie „die Fundamentalisten kommen“ auszubrechen. Die Türkei ist nicht Algerien... [...] Kerem Albay, Essen
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