: Ausländer: Gefährliches Pflaster Sachsen-Anhalt
Magdeburg (taz) — Nirgendwo in Deutschland ist für Ausländer die Gefahr größer, Opfer rassistischer Gewalt zu werden, als in Sachsen- Anhalt. Das ergab eine Studie des Berliner Journalisten und Autors Eberhard Seidel-Pielen, der im Auftrag der Magdeburger Landtagsfraktion von Bündnis90/Grüne wochenlang Fakten zusammentrug, mit Skins ebenso sprach wie mit Opfern von rechtsradikaler Gewalt. Damit widerlegt Seidel-Pielen eine Analyse des Landeskriminalamtes von Sachsen-Anhalt, die besagt, daß das Land im Bundesdurchschnitt im unteren Bereich der Straftatenhäufigkeit liege.
„Das LKA hat lediglich absolute Zahlen zugrunde gelegt“, so Seidel- Pielen, als er seine Studie gestern in Magdeburg vorstellte. Diese Zahlen seien aber weder in Relation zur Anzahl der Einwohner noch zur Anzahl der in dem Bundesland lebenden Ausländer gesetzt worden. Seidels Nachforschungen ergaben dagegen, daß die Wahrscheinlichkeit, Opfer rassistischer Gewalt zu werden, in Sachsen-Anhalt rund 30mal so hoch ist wie z.B. in Nordrhein-Westfalen und selbst doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller neuen Länder.
„Allerdings spielen organisierte neonazistische Gruppierungen dabei lange nicht die Rolle, die ihnen immer zugeschrieben wird“, so der Autor der Studie. Den einschlägigen neonazistischen Organisationen sei es offensichtlich nicht gelungen, in großem Umfang in der gewaltbereiten Jugendszene Fuß zu fassen. „Die in diesen Organisationen typische strenge Hierarchie und Disziplin wirkt auf die meisten Skins eher abschreckend“, meinte Seidel-Pielen. Die Jugendlichen seien statt dessen eher in informellen Cliquen zusammengeschlossen, in denen es zwar „Platzhirsche“ und auch wechselnde Anführer gebe, aber keine ausgemachten Führer mit Befehlsgewalt. Einig seien sich diese Gangs nur in ihrer hohen Gewaltbereitschaft und in ihrem Haß auf Ausländer, Linke und Homosexuelle.
Den von offiziellen Stellen festgestellten Rückgang der Übergriffe nach dem Herbst 1991 wertet Eberhard Seidel-Pielen nicht als eine Entspannung der Lage. „Sowie die Temperaturen steigen, sind neue Übergriffe zu erwarten“, glaubt er. Allerdings sei auffallend, daß viele rechtsmotivierte Jugendcliquen ihr Wirkungsfeld aus den Städten in die Umlanddörfer verlagert haben.
Der Fraktionschef von Bündnis 90/ Grüne, Hans-Jochen Tschiche, kündigte als Konsequenz aus den Untersuchungsergebnissen eine Vielzahl parlamentarischer Initiativen zu diesem Problem an. „Aber wir Politiker können nur die Rahmenbedingungen für eine vernünftige Arbeit vor Ort schaffen“, sagte Tschiche. Wie Seidel-Pielen würdigte auch Tschiche die „vorbildliche Arbeit in Halle“, wo die Stadt allein sieben Streetworker beschäftigt, die sich mit den rechtsradikalen und gewaltbereiten Gruppierungen auseinandersetzen. „In Ost-Berlin gibt es nur zwei Streetworker für diesen Komplex“, verglich Seidel-Pielen. Eberhard Löblich
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