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Berlins Chef-Tunte bekommt einen Orden

■ Kultursenator ehrt die 64jährige Charlotte von Mahlsdorf mit dem Bundesverdienstkreuz/ Rettung von Kulturgut und Zivilcourage in der DDR gewürdigt/ Im Gutshaus Mahlsdorf traf sich die erste Lesben- und Schwulengruppe der DDR

Mahlsdorf. Die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes gehört zu den schönsten Aufgaben eines Politikers, kann man sich doch ohne eigenes Zutun als edler Wohltäter in der Presse ablichten lassen. Doch was macht ein Politiker, wenn der Orden nicht an einen Lebensretter, eine aufopferungsvolle Krankenschwester oder einen verdienten Sportpräsidenten geht, sondern an eine couragierte Tunte? Ganz einfach: Man verbannt die Zeremonie vom zentral gelegenen Rathaus an den Stadtrand und schickt statt des steifen Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen den schillernden Kultursenator Ulrich Roloff-Momin an die schwule Front.

Als erste Tunte in Deutschland bekam die 64jährige Charlotte von Mahlsdorf gestern den höchsten Orden des Staates verliehen. In einer Feierstunde in Charlottes Gründerzeitmuseum am Hultschiner Damm würdigte Kultursenator Ulrich Roloff-Momin (SPD-nah) im Namen des Bundespräsidenten ihren »beispielhaften und unermüdlichen Einsatz zur Rettung von Kulturgut« sowie ihre »nicht immer ungefährliche Zivilcourage als unangepaßter Bürger« der DDR.

Den Orden, so der Tenor vor allem in der Schwulenszene, habe Charlotte allemal verdient. In den sechziger Jahren restaurierte sie das Gutshaus Mahlsdorf liebevoll mit eigenen Mitteln und wandelte es gegen alle staatlichen Zugriffe zu einem der wenigen privaten Museen der DDR um. In dem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert zeigt Charlotte seitdem nicht nur ihre Sammlung von Gründerzeitmöbeln, in den siebziger Jahren fand hier auch die erste Lesben- und Schwulengruppe der DDR Unterschlupf — bis die Stasi es untersagte.

Die Idee, Charlotte mit dem Bundesverdientskreuz zu ehren, kam dennoch nicht aus dem Roten Rathaus, sondern vom Frankfurter Musikprofessor und Homo-Mäzen Andreas Meyer-Hanno. Hinter Charlottes Rücken hatte er Anfang des Jahres dem Bundespräsidialamt den Vorschlag unterbreitet. »Ich habe nie damit gerechnet, daß er aufgenommen wird«, freute sich Meyer-Hanno am Rande der Feierstunde.

Doch Kultursenator Roloff-Momin hatte gute Gründe, seine Idee aufzunehmen. Viele Gäste sahen die Ordensverleihung als Wiedergutmachung. Nach der Wende nämlich, nur wenige Tage nach dem brutalen Überfall auf Charlottes Frühlingsfest, hatten Mitarbeiter der Senatskulturverwaltung verlautbaren lassen, das Museum gehöre dem Land Berlin. Gegen die Enteignung hatte sich Charlotte gewehrt und gedroht, mit den Möbeln nach Dänemark oder Holland auszuwandern.

Gestern schienen sich Charlotte und der Kultursenator wieder vertragen zu haben. In seiner Laudatio sicherte Roloff-Momin dem Museum weitere finanzielle Unterstützung zu, eine neue Heizung hat er bereits spendiert. Man arbeite gemeinsam an »rechtlich gangbaren« Wegen, das Museum zu erhalten.

Während eine stolze Charlotte mit dem Orden an der Bluse durchs Museum huschte und dem Senator eine Sonderführung bot, war ihre Mitarbeiterin Beate Jung nicht ganz so zufrieden. »Solange kein Vertrag unterschrieben ist, glaube ich gar nichts«, blieb sie von den Versprechungen des Kultursenators unbeeindruckt. Auch hätte sie eine materielle Ehrung dem Bundesverdienstkreuz durchaus vorgezogen: »Mit 1.000 Mark hätte Charlotte mal zur Reeperbahn fahren und sich richtig amüsieren können.« Micha Schulze

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