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Kapitalismus ahoi!

■ betr.: „Eine anachronistische Be wegung“, taz vom 19.1.94

Da zieht Vargas Llosa eine direkte Linie vom Mauerfall zu den aufständischen Indios in Chiapas, nach dem Motto: Weil der korrupte Staatskapitalismus der DDR und anderer Ostblockländer nicht funktioniert hat, müssen sich die von der Nafta marginalisierten und von der mexikanischen Regierung seit eh und je drangsalierten und vernachlässigten Indios gefälligst unter das Joch der neoliberalen Yuppies fügen. Er macht damit die Opfer der Verhältnisse zu den Verantwortlichen für eben diese Mißstände.

Es mag sein, daß der bewaffnete Aufstand im Grunde einen Anachronismus darstellt – aber was hätten die Leute von Chiapas denn tun sollen? Etwa mal schnell eine Fabrik für Computerchips bauen? Weil für diese Menschen keine Alternative bestand – das ist jedenfalls der Eindruck, der sich nicht nur aus der taz-Berichterstattung ergibt –, war und ist dieser Aufstand historisch richtig. Das gilt auch dann, wenn die von Vargas beschworene globale Entwicklung in eine andere Richtung geht, wobei, ganz nebenbei, noch längst nicht geklärt ist, ob das neue Kapitalismus-Modell auf Dauer wirklich so gut läuft.

Wenn Vargas Llosa die flüchtenden Kubaner als Kronzeugen für das Versagen des Sozialismus und, logischerweise, für die Überlegenheit des US-amerikanischen Modells bemüht, dann sollte er vielleicht nicht die Flüchtlinge aus dem gänzlich unsozialistischen Haiti vergessen – nur werden die von den Amis eben nicht mit offenen Armen empfangen und medienwirksam herumgezeigt, sondern zurückgeschickt, und man läßt sie verhungern. Sollte Vargas sich trauen, ihnen die Segnungen des Kapitalismus zu predigen? Und hat der Herr Literat die Abermillionen vergessen, denen das von ihm favorisierte Wirtschaftsmodell nichts weiter gebracht hat – und nie etwas anderes bringen wird – als Not, Kriminalität und Herabwürdigung? Kapitalismus ahoi! Pascal Laplace, München

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