: Trostlose Redlichkeit
■ Staubtrocken: Die neugestaltete Alt-Ägypten-Sammlung im Überseemuseum
Hybris sei's, sagt der Ägyptologe Karl Martin mit Blick auf die Abteilung „Alt-Ägypten“, die das Übersee-Museum der Öffentlichkeit nach einer mehrwöchigen Bearbeitung nun neugestaltet vorzeigt. Aber nein, mit Hybris meint er nicht das Ausstellen von magischen Amuletten, alten ägyptischen Leichnamen oder von Tiermumien, in deren Leibern doch Götter wohnen sollten – gemäß des alt-ägyptischen Götterglaubens. Karl Martin, der während eines ABM-Jahres den Bestand aus Ägypten zu dokumentieren begann, spricht vielmehr über die klägliche Fläche vom Maß eines Schulzimmers, auf der die materiellen Überreste der Hochkultur zu sehen sind. Im Zuge der Aufmöbelung des Museums zum bevorstehenden Hundertjährigen wischt man den Staub aus allen Vitrinen, in die der öffentliche Blick fällt. Ein ungepflegtes Dasein führt weiterhin das Magazin. „Aber darüber müßten wir auf einem Extra-Termin reden“, sagt der Afrika-Referent Peter Junge.
Aber nicht nur das Wort von der Hybris, nebenbei und ganz leise ins Gespräch gebracht, und das Klagelied über die verrottenden Schätze im Museums-Magazin gehören zum ehrlichen Ton, der neuerdings in deutschen Museen, also auch im Übersee-Museum, angeschlagen wird: Die ganze neugestaltete Ägypten-Ausstellung wird in dieser nüchternen Tonart präsentiert. Hier kommt zusammen hinter kühles Glas nur das, was nachweislich zusammen gehört; vorbei die Zeit fantasievoller, aber nicht stilechter Ensembles, die immerhin ein Bild davon vermitteln könnten, in welcher Umgebung das Ausstellungsstück einst stand oder was den ägyptischen Totenkult ausmachte. In diesem Museum steht vor der Grabkammertür kein Schälchen Linsen, das anschaulich machen würde, wie unmittelbar man über das Leben nach dem Tod dachte, indem man Amulette und Gaben als Wegzehrung ins Jenseits mitgab. Statt dessen werden die Dinge vor allem durch Jahreszahlen sortiert, die zueinander passen müssen. Wo das nicht der Fall ist, entstehen Lücken. Die werden gnadenlos dokumentiert. Statt Eindrücke von einer frühen Hochkultur mitzunehmen, an die Menschen von heute in ihrem Denken wenigstens anknüpfen könnten, erfahren MuseumsbesucherInnen vor allem etwas über die Grenzen von Museumsarbeit.
Wer wenig über ägyptische Kultur weiß, wird sich auch nach dem Besuch dieser Dauerausstellung an wenig Neues erinnern. Wie wurde in Ägypten beerdigt? Was war vor der Mumie? Wie sah der Alltag in einer frühen Hochkultur aus? Vergessen Sie's. Auch wer bei Ägypten den Pharao oder Pyramiden assoziiert, muß umdenken. Beides zählte zum Obersten der damaligen Kulturen, aber mit entsprechenden Exponaten kann man in Bremen nicht dienen, deshalb verzichtet man ehrlicherweise ganz auf Abbildung. Schließlich liegt die kleine Bremische Ägypten-Abteilung für den musealen Hausgebrauch nicht ohne Grund weit abgeschlagen auf der Wichtigkeits-Skala hinter den Sammlungen von Berlin, München, Hildesheim oder Hannover.
Statt dessen setzt man in Bremen auf Kleinode wie die zierliche Tänzerinnen-Figurine, die allerdings ebensogut eine Göttin darstellen könnte, „man weiß es nicht genau, das wurde ja nie schriftlich überliefert“, so Martin. Sie ist so eindrucksvoll am Eingang plaziert, daß auch BetrachterInnen, die von der vordynastischen Negade-Kultur, aus der sie stammt, wenig wissen, von ihrer Feinheit berührt werden können. So eindrucksvoll reckt sie seit 5.000 Jahren schon beschwörend die Arme zum Himmel. Bisher lagerte sie im Magazin.
Den umgekehrten Weg ging eine Mumie: Zurück ins Magazin, lautete das Urteil der Fachleute. Der unverhüllte Kopf und eine Bahre, die, weil 1.000 Jahre älter als der Corpus selbst, allzu unehrlich schien, wurden der Mumie zum Verhängnis. An ihrer Stelle liegen nun Sarg und Mumie des Priesters Harsiese und setzen den Kult ums Jenseits, dem schon die Ägypter fröhnten, auf europäisch-museale Art fort. Hier glaubt man nur noch Fakten.
MuseumsbesucherInnen erfahren, daß der Priester mit abgekautem Gebiß und einem verheilten Knochenbruch im Alter von rund 50 Jahre starb. Wie er aber bestattet wurde, das müssen sie sich selbst zusammenreimen. Denn weil man nicht weiß, woher der Leichnam wirklich stammt, darf man doch kein Drumherum inszenieren; redlicherweise. So lautet die moderne Museumsmeinung. Das läßt erhebliche Lücken vor allem bei denen, die keine Museums-Profis sind. Immerhin sind 90 Prozent der Stücke in der ägyptischen Sammlung unbekannter Herkunft. ede
n, deshalb verzichtet man ehrlicherweise ganz auf Abbildung. Schließlich liegt die kleine Bremische Ägypten-Abteilung für den musealen Hausgebrauch nicht ohne Grund weit abgeschlagen auf der Wichtigkeits-Skala hinter den Sammlungen von Berlin, München, Hildesheim oder Hannover.
Statt dessen setzt man in Bremen auf Kleinode wie die zierliche Tänzerinnen-Figurine, die allerdings ebensogut eine Göttin darstellen könnte, „man weiß es nicht genau, das wurde ja nie schriftlich überliefert“, so Martin. Sie ist so eindrucksvoll am Eingang plaziert, daß auch BetrachterInnen, die von der vordynastischen Negade-Kultur, aus der sie stammt, wenig wissen, von ihrer Feinheit berührt werden können. So eindrucksvoll reckt sie seit 5.000 Jahren schon beschwörend die Arme zum Himmel. Bisher lagerte sie im Magazin.
Den umgekehrten Weg ging eine Mumie: Zurück ins Magazin, lautete das Urteil der Fachleute. Der unverhüllte Kopf und eine Bahre, die, weil 1.000 Jahre älter als der Corpus selbst, allzu unehrlich schien, wurden der Mumie zum Verhängnis. An ihrer Stelle liegen nun Sarg und Mumie des Priesters Harsiese und setzen den Kult ums Jenseits, dem schon die Ägypter fröhnten, auf europäisch-museale Art fort. Hier glaubt man nur noch Fakten.
MuseumsbesucherInnen erfahren, daß der Priester mit abgekautem Gebiß und einem verheilten Knochenbruch im Alter von rund 50 Jahre starb. Wie er aber bestattet wurde, das müssen sie sich selbst zusammenreimen. Denn weil man nicht weiß, woher der Leichnam wirklich stammt, darf man doch kein Drumherum inszenieren; redlicherweise. So lautet die moderne Museumsmeinung. Das läßt erhebliche Lücken vor allem bei denen, die keine Museums-Profis sind. Immerhin sind 90 Prozent der Stücke in der ägyptischen Sammlung unbekannter Herkunft. ede
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