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Sommertraum im Grand Hotel

■ Neu im Kino und fast zu riechen: „Das Parfum von Yvonne“

Ein wirklich gutes Parfum kriecht nicht aufdringlich in die Nasen – es umschmeichelt sie ganz leicht, und man erahnt es eher, als daß man es bewußt riecht. So wirkt auch „Das Parfum von Yvonne“: ein Film in dem kaum etwas passiert, in dem Stimmungen, Atmosphäre und Gefühle zugleich mit einer eleganten Sinnlichkeit und verträumten Leichtigkeit kredenzt werden. Für den Zuschauer, der sich nicht darauf einläßt, sich langsam von ihm verführen zu lassen, fällt er in ein ärgerliches Nichts zusammen.

Den Regisseur Patrice Leconte reizte an der Romanvorlage „Villa Triste“ von Patrick Modiano gerade das diffuse Nichterzählen: „Dieses Verschwommene ist köstlich, das ist wie der Blick eines Kurzsichtigen. Wenn ich meine Brille abnehme, bin ich entzückt, weil die Dinge mir anders erscheinen, das ist fast erholsam und tröstlich.“ Sein Film kreist um die Hauptpersonen: den jungen Flaneur Victor, die vom Starruhm träumende Yvonne und den extravagant schwulen Arzt René. Sie erkennen ihre Wahlverwandschaft, denn alle drei sind geheimnisvoll, mondän und wirken immer ein wenig verloren. Leconte läßt ihre Rätsel ungelöst, stattdessen zeigt er uns einzelne Episoden von ihrer luxuriösen Sommerfrische in einem Grand Hotel am Ufer eines Sees in den französischen Alpen.

In „Monsieur Hire“ und „Der Mann der Friseuse“ hat sich Leconte als ein Meister der leisen, zärtlichen Zwischentöne erwiesen, und mit diesem Film geht er noch einen Schritt weiter auf dem Weg zu seinem Kino der Sinne. Der Schauspieler Hippolyte Girardot spielte schon in der Komödie „Un Monde sans Pitié“ („Ein Typ zum Verlieben“) einen Mann, der die Frauen so verletzlich und sanft liebt, wie die Filmhelden François Truffauts. Bei Patrice Leconte strahlt er in der Rolle des Victor eine etwas dekadente Melancholie aus, die ihn sehr attraktiv macht.

Und so wie Victor sich in Yvonne verliebt, beginnt auch Lecontes Kamera eine Affäre mit der Schauspielerin Sandra Majani (in ihrer ersten Rolle). Kein Regisseur hat sich in letzter Zeit im „seriösen Kino“ getraut, eine Frau so erotisch auszuziehen. Dabei hält Leconte immer eine feine Balance, so daß sein Blick zwar eindeutig männlich ist, aber nie zu voyeuristisch wird. Stattdessen bewundert man mit ihm diese schöne Frau und kommt ihr dabei so nah, daß man fast glaubt, von ihrem Parfum umfangen zu werden. Wilfried Hippen

Schauburg tägl. 18, 20, 22 Uhr, Gondel tägl. 18., 20.30 Uhr

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