: Unterm Strich
Wir geben zu, in den Deutschstunden der späten siebziger Jahre lieber Stefan Heym als Günther Grass gelesen zu haben. Es war halt doch das andere, das anzog. Nun aber ist das andere das eine, und doch nicht wirklich, sondern nur ähnlich. Ein Grund zur Klage, wie sich beim Deutschen Germanistentag herausstellte, der gestern in Aachen begann. Bei Ost- und Westdeutschen herrscht nach Einschätzung des Präsidenten des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, immer noch Unkenntnis über die kulturellen Verhältnisse im jeweils anderen Landesteil. In seiner Eröffnungsrede jedenfalls betonte Hoffmann, der durchschnittliche Bürger Ostdeutschlands kenne die Kultur des Westens nur durch die Medien vermittelt und der Westbürger sei ebenfalls nur oberflächlich mit der kulturellen Geschichte der DDR vertraut. Dies sei ein Nährboden für die „vielleicht sogar nützlichen Vorurteile und Entfremdungsverhältnisse“. Rund 1.200 Wissenschaftler und Deutschlehrer wollen bis zum Mittwoch über die Rolle und Zukunft ihres Faches diskutieren. Eine Studie von 1992 zum Leseverhalten in Deutschland belegt laut Hoffmann, daß im Osten „ebensoviel wie vor der Wende und jedenfalls mehr als in den alten Bundesländern“ gelesen werde. Die Prognose vom Ende Ostdeutschlands als Leseland, das der „Massen- und Popkultur des Westens mit ihrer globalen Vermarktung“ gegenüberstehe, sei nicht eingetreten. Die Fortdauer der Lesekultur sei nicht nur mit Nachholbedarf, sondern auch mit dem Wunsch nach Orientierung in der neuen Alltagswelt und beruflicher Qualifizierung begründet. Das neue Deutschland, in dem die Vereinigung als reiner Verwaltungsakt begriffen werde, verzichtet dagegen nach Ansicht Hoffmanns auf die kulturellen Herausforderungen einer visionären Politik. Kultur diene bestenfalls noch „als postmoderne Verblendung über den Wunden der Zweidrittelgesellschaft“, kritisierte der Präsident des Goethe-Instituts. Die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD) hielt sich in ihrem Redebeitrag mehr an reale Politik: Sie forderte eine stärkere Ausrichtung der germanistischen Ausbildung auf die Berufspraxis.
Wo gelesen wird, muß zumeist auch gedruckt werden: Der Methusalem-Presse des fast 86jährigen Wilhelm Neufeld ist die Herbstausstellung des Klingspor-Museums, des Museums für Buch- und Schriftkunst in Offenbach, gewidmet. Erstmals werden damit alle 28 bisherigen Bücher der privaten Druckerei gezeigt, reichhaltig ergänzt durch Holzschnitte, Lithographien und Zeichnungen von Neufeld. Die Ausstellung ist bis 30.Oktober zu sehen. In der Methusalem-Presse erschienen in kleinsten Auflagen bislang Texte von Heraklit, das Hohelied Salomons, die Genesis, dazu Liebesgedichte von Pablo Neruda, Bilder zu Mozarts „Zauberflöte“, Texte von Kafka und der Hymnos vom Großen Pan aus Homers „Odyssee“.
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