: Die Stadt aus dem Stabilbaukasten
■ Dekonstruktion der schönen neuen Welt: Malerei von Michael Bach in Bremerhaven
Wenn junge Künstler nach neuen Wegen suchen, dann kreuzen sie notwendig die ausgetrampelten Pfade der Altvorderen. Fotorealismus hieß ein Weg, der vor knapp 30 Jahren das Kunstpublikum fasziniert hatte. Wer ihn heute noch einmal betritt, hofft auf Spuren, die bis in die Gegenwart führen. Michael Bach ist 36 Jahre alt, Meisterschüler von Gerhard Richter und gehört zu einer Gruppe von Künstlern, die realistische Positionen in der Malerei nicht abhaken, sondern weitertreiben wollen. Zwölf seiner großformatigen, panoramaartigen Stadtlandschaften sind jetzt in der Bremerhavener Kunsthalle zu sehen.
Sie erscheinen kalt, kulissenhaft und menschenleer: monströse Hochhauskomplexe, Fußballarenen, Glaspaläste, Betonmischmaschinen und Baucontainer. Schöne Fassaden kurz vor der Vollendung, Brachgelände zwischen alten und neuen Strukturen. Michael Bach präsentiert sie in dumpfen Farben, in Grau- und Brauntönen. Himmel und Wolken sind kalt, das Wetter ist herbstlich bis winterlich, regenfeucht oder dunstig. So spiegelt sich die stillgestellte Fassadenwelt im schlammigen Boden.
Ästhetisiert hier einer die unwirtlichen Geschäfts- und Massenvergnügungsstätten moderner Großstädte? Ist er fasziniert vom Stilleben rationalistischer Zweckbauten? Oder malt er eine Stille, hinter der die Explosion lauert?
Seine Motive hat Bach zunächst tatsächlich fotografiert. Er findet sie in Istanbul, in Mailand, Düsseldorf oder London. Er komponiert mit klassischen Mitteln, baut sorgfältig Vordergrund und Hintergrund auf. Alles sieht wohlgeordnet aus. Menschen sind in diesem gutgegliederten Umfeld wirklich unnötig. Bachs schöne neue Welt scheint aus dem Stabilbaukasten zu kommen. Es ist eine emotionslose Welt, die sich jeder Deutung verweigert.
Denn Bach ist kein neuer Fotorealist. Das Abbilden der Oberflächenwirklichkeit besitzt für ihn nichts Authentisches mehr – Bach stellt das vermeintlich Authentische als Trugbild dar. Wer hier zweimal hinsieht, weiß nicht mehr, was er gesehen hat.
Hans Happel
Bis 21. Mai in der Kunsthalle Bremerhaven
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