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Die Niederlande verkommen zum Pissoir

■ Soziologe: „Ein untrügliches Zeichen für einen Rückfall im Zivilisationsprozeß“

Amsterdam (dpa/taz) – Die junge Frau findet gar nichts dabei. Wenn vor der Damentoilette im Café mal wieder eine lange Schlange steht, dann geht sie eben auf die Straße. „Man kann sich besser mal kurz zwischen zwei Autos hinhocken“, sagt die 26jährige.

Doch gegen die schnell wachsende Zahl von „Wildplassers“, Wildpinklern, wird mitunter sogar zurückgespritzt. In Groenlo an der deutschen Grenze haben Anwohner einer großen Diskothek eine Anlage installiert, die den Wildpinkler elektronisch wahrnimmt und ihn alsdann mit einem breiten Wasserstrahl völlig durchnäßt. In Eindhoven mußten im vergangenen Jahr 150 Plassers einen Strafzettel in Höhe von 100 Gulden (90 Mark) bezahlen.

Die größte Kirche der Niederlande, in Herzogenbusch, ist sogar mit einem eineinhalb Meter hohen „Plashek“, einem Pinkelzaun, umgeben. Durch die ätzende Harnsäure hatte sich nämlich an einigen Stellen schon der Kalk in den Mauerfugen aufgelöst. Regelmäßige Alkoholkonsumenten sondern überdies eine besonders gebäudeschädigende Flüssigkeit ab.

Der Soziologe Abram de Swaan weist darauf hin, daß in zunehmendem Maße auch Herren mit Schlips und Aktenkoffer am hellichten Tage auf die Straße pinkeln. „Sie geben ganz einfach dem Drang nach, den man doch von Kindestagen an zu beherrschen gelernt hat“, meint De Swaan. „Es ist ein untrügliches Zeichen für einen Rückfall im Zivilisationsprozeß.“

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