■ Ödnis? Langeweile? Warum zwischen den Jahren nicht mal ins Sauerland zum

Schumi-Watching

Halver. Tief im Westen des Sauerlandes, an der Grenze zwischen Nordrhein und Westfalen, führt eine schmale Straße durch verschneite Felder. Aber welcher Berserker ist hier entlanggebrettert? Links und rechts sind die weißen, reflektierenden Begrenzungspfosten abgeknickt. Dann kommt das Ortsschild der kleinen Stadt: „Halver, Märkischer Kreis“.

Michael Schumacher soll sich manchmal hier aufhalten, weil seine Schwiegermutter im „schönsten Dorf Westfalens“ wohnt. Als Schumacher und seine Braut Corinna vor drei Jahren während ihrer Hochzeitsvorbereitungen von den Medien verfolgt wurden, flüchteten sie in einem getarnten Kleinlaster ins Sauerländer Refugium. Nach den Grand-Prix-Rennen von Hockenheim und dem Nürburgring chartert der Formel- 1-Pilot gerne mal eine kleine Propellermaschine und landet auf dem Halveraner Segelflugplatz, wo er von den Segelflugvereinsvorsitzenden freundlich in Empfang genommen wird.

In der Stadt gibt man sich allgemein unaufgeregt, wenn die Sprache auf den prominentesten temporären Wahlhalveraner kommt. Schließlich ist man den Umgang mit Stars gewöhnt: Tony Marshall hat schon mal im Rathauspark gesungen, Birgit Schrowange eine Modenschau moderiert, und Rudolf Scharping hat kürzlich im Kulturbahnhof Wahlkampf gemacht. Daß nun ein Sport-Superstar den Ort zum Ausspannen nutzt, hat etwas Vornehmes und adelt die 400 Meter hoch gelegene Bergstadt zu einem Monte Carlo des Sauerlandes.

Wenn Schumacher in der Stadt ist, hat sich das unter den 17.000 Einwohnern schnell herumgesprochen, und sie haben dann einen schönen Zeitvertreib: „Schumi- Watching“. Wo wurde der Rennfahrer gesehen, was hat er gemacht? Einen der frühesten Sichtungserfolge feierte – natürlich – ein Tankwart. „Mensch, den kennste doch, habe ich mir gedacht“, erzählt der BP-Abfüller. Dann habe der frischgebackene Formel-1- Weltmeister eine goldene Kreditkarte auf den Tresen gelegt und alles sei klar gewesen: „Hast du super gemacht, Schumi: Gratulation!“

Bei Fernseh Frevel in der Frankfurter Straße kaufte Schumacher einmal einen Ghettoblaster. Der Chef wehrte die Autogrammjäger ab und schloß den Laden, so daß Schumacher sich in Ruhe umschauen konnte. Derweil brach nebenan unter dem italienischen Personal der Eisdiele eine gewisse Hysterie aus. Die „Ferraristi“ besorgten einen Fotoapparat, und ein Angestellter mußte ein Doppelporträt vom Eisdielenchef mit Schumi anfertigen, als der Rennfahrer gerade wieder ins Auto steigen wollte.

Ein Profisportler, auch wenn er nur lenken und Gas geben muß, kann auf körperliche Fitneß selbstverständlich nicht verzichten. Deshalb hat der leidenschaftliche Fußballer ein Probetraining beim TUS Grünenbaum absolviert, einem Kreisligaverein, der auf einem ländlichen Truppenübungsplatz voller Granatkrater zu Hause ist. „Kreisch“ heißt dieser Platz, und das hat sich Schumacher in Comic- Sprache wohl auch gedacht. Da geht er doch lieber ins Fitneßstudio oder laufen, über den Trimm- Dich-Pfad durch Halvers schöne grüne Wälder.

Das klingt soweit alles sehr harmonisch, nur sorgen jetzt die Geschehnisse an der eingangs erwähnten Danziger Straße für Mißtöne. Die Verbindungsstraße führt als Hochgeschwindigkeitsgerade direkt zur „Ranch“, wie das Neubaudomizil von Schumachers Schwiegermutter im Volksmund heißt. Und seit der Straßeneröffnung vor einigen Monaten werden die Begrenzungspfosten ständig flachgelegt, von der Straßenwacht aufgestellt und dann über Nacht wieder plattgemacht. Die entnervte Behörde überlegt schon, die Pfosten komplett abzumontieren. „Schumi scheint hier den gleichen Stil zu fahren wie in seinen Crash- Rennen der letzten Jahre“, erklärt Anwohner Florian Frederic Hoffmann, der mit seinem großen weißen Hund am Tatort spazierengeht. „Manche sind deshalb sauer, aber die meisten finden's okay, wenn es ihm hilft, in der nächsten Saison Weltmeister zu werden.“

Und er, hat er den besagten Champion auch schon mal gesehen? „Ja, klar“, sagt Hoffmann, „habe ich Schumi getroffen. Und zwar beim Bauern Harke, als wir beide Milch geholt haben!“ Christian Kortmann