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Proteste in Belgrad

■ Nationalistische Opposition fordert „Regierung der nationalen Rettung“

Belgrad (rtr/taz) – Rund 20.000 Menschen haben am Mittwoch abend in Belgrad gegen den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević demonstriert. Die Demonstranten machten Milošević für die Rückeroberung der Krajina durch die kroatische Armee verantwortlich. Milošević sei ein Verbündeter des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman, sagte der Vorsitzende der oppositionellen Serbischen Demokratischen Partei (DSS), Vojislav Kostunica.

Der nationalistische Politiker warf Milošević „Verrat“ und „Komplizenschaft“ vor. Kostunica und der Vorsitzende der oppositionellen Demokratischen Partei (DS), Zoran Djindjić, forderten eine „Regierung der nationalen Rettung“, um weiteres Unheil von den Serben abzuwenden. Djundjić sprach sich dafür aus, nach dem Fall der Krajina eine Konföderation zwischen Serbien, Montenegro und der selbstproklamierten Serbischen Republik in Bosnien zu bilden.

Milošević seinerseits hatte die Führung der Serben in Bosnien und Kroatien für den Verlust der Krajina verantwortlich gemacht. Es war der vierte Tag in Folge, an dem gegen den serbischen Präsidenten demonstriert wurde.

Nachdem die Ereignisse in der Krajina in den ersten Tagen nur wenige Serben zu politischen Protesten veranlaßt hatten, waren am Dienstag abend bereits 2.000 Menschen auf den Straßen. Im Gegensatz zu den vorherigen Demonstrationen am Sonntag und Montag abend kam es am Dienstag abend zu Zusammenstößen mit der Miliz, als sich der Demonstrationszug auf das Regierungsgebäude im Zentrum der Stadt zubewegte. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Im Nu brachten Hunderte von bewaffneten Milizionären die Lage unter Kontrolle und lösten die Kundgebung auf. Die Miliz zeigte starke Präsenz und bildete Spaliere vor den Regierungsgebäuden.

Nach Angaben von Belgrader Zeitungen wurden am Mittwoch führende Vertreter der kleinen oppositionellen Parteien verhaftet, darunter der Vorsitzende der serbischen Volkspartei, Milan Paroški, und der Vorsitzende der Partei der „Erneuerung des serbischen Volkes“, Mirkov Jović. Die drei einflußreichen Oppositionsparteien, die landesweite Demokratische Partei (DS), die Demokratische Partei Serbiens (DSS) und die Radikale Partei Serbiens (SRS) setzten ihre Gespräche fort, um eine gemeinsame Strategie gegen Miloševićs „Stillhaltepolitik“ und den „Verrat am serbischen Volk" in der Krajina zu formulieren. Dem Vernehmen nach planen die drei Parteien weitere Kundgebungen in Belgrad. ur

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