: Soziale Auslese mit Studiengebühren
betr.: „Uni-Gebühren werden konkret“, „Blanke Heuchelei“ (Kommentar), taz vom 12. 4. 00
Das gibt's doch gar nicht.
Hier wird ein völlig unrealistisches Bild von Studenten benutzt, um Studiengebühren zu rechtfertigen. In unserem Milieu ist Leistungsdruck an der Tagesordnung. Mir ist in den letzten fünf Jahren noch kein Student begegnet, der Wert darauf gelegt hätte – mit Herrn Klaus von Trothas Worten – „so lange, wie er will, kostenlos [zu] studieren“. Das Studium wird als notwendige Ausbildung angesehen, um erfolgreich in den Beruf zu starten. Und das soll schnell gehen. Junge Studenten sind sich bewusst über den Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt. Mit solchen Sätzen zeigen Politiker, wie weit sie entfernt sind von ihrem eigentlichen Auftrag, die Bundesbürger in ihren Interessen zu vertreten.
Weitere Argumentationen der Studiengebührbefürworter drehen sich in meinen Augen im Kreis oder sind undurchsichtig. Langzeitstudierenden soll der Hahn abgedreht werden, die Lehre besser werden. Studenten müssen das Geld aber irgendwoher bekommen, also gehen sie arbeiten, was dem konzentrierten und damit zügigen Studieren dann aber im Wege steht.
Das Gespenst, Studiengebühren zahlen zu müssen, lässt auch in Zeiten der Abschlussprüfungen einen unsachgemäßen psychischen Druck entstehen. Und wer garantiert mir, dass dieses Geld überhaupt Forschung und Lehre zugute kommt?
Alles in allem hat mir noch kein Politiker ein Argument für Studiengebühren liefern können, das mich überzeugt hätte, weil sie einfach noch nie mit meiner Wahrnehmung des Studentenmilieus vereinbar waren.
VERENA MAY, Soziologiestudentin, Tübingen
Die Argumentation von Christian Füller folgt – erschreckenderweise – unfähigen Kultusministern wie von Trotha in Baden-Württemberg. Wenn man nämlich Studiengebühren mit dem Argument der positiven Steuerungswirkung begründet, dann werden Studiengebühren garantiert sozial ungerecht. Eine wirkliche „marktwirtschaftliche“ Steuerungswirkung kann nur erzielt werden, wenn die vermeintlich bessere Hochschule auch die teurere ist. Dies wird aber in jedem Fall dazu führen, dass sich Kinder aus finanziell schlechter gestellten Familien nur noch ein „billiges“ Studium leisten können.
Auch der Ruf nach einem Stipendiensystem wie in den USA wird diese soziale Auslese nicht eindämmen. Für Kinder mit finanzstarken Eltern wird es immer leichter sein, in die teureren Hochschulen zu kommen.
Ein Erstarken von elitärem Gehabe an den dann verstärkt entstehenden „Elitehochschulen“ wird sich gar nicht vermeiden lassen. Einer emanzipatorischen Weiterentwicklung der Gesellschaft kann dies nicht dienlich sein.
Grundsätzlich ist auch das Gejammere in Bezug auf die Verschwendung von Steuergeldern mehr als lächerlich. An den Hochschulen wird ein Haufen Geld verschwendet – aber sicher nicht von „Langzeitstudierenden“. Im Gegenteil – ohne die vielen (schlecht bezahlten) Studierenden, die direkt an den Hochschulen jobben, würde noch einiges mehr im Argen liegen. [...]
OLIVER IOST, Karlsruhe
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