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Die Verdummung der Kulturkritiker

Jetzt wird es wirklich ernst. Eine Reihe deutscher Geisteswissenschaftler hat eine neue Gefahr am Horizont des Weltendorfes ausgemacht: die „globale Verdummung“. Offenbar arbeiten gewisse Kräfte mit niederträchtiger Berechnung daran, uns eine Schraube zu lockern. „Strategien der Verdummung“ heißt daher der Bericht der offiziellen Kommission unter Leitung von Jürgen Wertheimer und Peter Zima, der soeben erschienen ist.

Die Gesellschaft ist krank: Sie leidet an „Infantilisisierung“, gar an „sozialer Aphasie“. Das postmoderne „Abschwören jedweder Urteilsfähigkeit“ hat uns in eine „sprachlich-gedankliche Abwärtsbewegung“ gerissen, die an deren Ende nur noch „Serienhirne und Seriengefühle“ übrig sein werden.

„Wer nicht mehr in der Lage ist“, schreibt Mitherausgeber Zima, „für sich zu sprechen, weil ihm im entscheidenden Augenblick nur noch das medial vermarktete Schlagwort einfällt, der ist zur politischen oder ästhetischen Willensbildung nicht mehr fähig und stellt als indifferenter, manipulierbarer Wechselwähler oder Konsument eine Gefahr für die Demokratie dar.“ Was tun? „In einem Seminar über den ‚Essay‘ hat noch keiner der dreißig Teilnehmer die Namen Adorno und Benjamin gehört.“ Erschütternd.

Früher war einfach alles besser. Doch die Therapie liegt auf der Hand. Lasset uns in die Seminare der weisen Autoren dieses Buches strömen: Nur hier gibt es die wahre Erziehung zum emanzipierten Staatsbürger. Wer freilich an der Misere schuld ist, darüber hat die Kommission eigentlich nichts Greifbares in Erfahrung gebracht. Dennoch erahnen wir eine Verschwörung zwischen postmodernen Literaturwissenschaftlern, Cultural-Studies-Diskursen und Verona Feldbusch.

So ungebrochen elitär, wie der Literaturwissenschaftler Zima sich um die Demokratie sorgt, kann einem schon angst und bange werden. Die Professoren in diesem Band delektieren sich genüsslich an der Verblödung der anderen, um die eigene Intelligenz im strahlenden Licht scheinen zu lassen. Das Buch besteht aus purem Ressentiment: Es handelt sich um die eine abgrenzende Selbvergewisserung von spätadornitischen Geisterwissenschaftlern, die sich zudem schlicht weigern, die eigene Mitschuld an der jetzt diagnostizierten „Verdummung“ zu analysieren. Doch gerade die unerträglich hochnäsige und intolerante Haltung solcher linken Vertreter von so genannter Hochkultur hat maßgeblich dazu beigetragen, dass etwa die „dumme“ Abgrenzung von Harald Schmidt und Konsorten (die ja aus demselben Milieu stammen) so gut funktioniert hat.

Zweifelsohne gibt es gute Gründe, die jüngsten Entwicklungen in der Massenkultur in Bezug auf die Inszenierungen von Demokratie und „Debatten“ zu kritisieren – doch das setzt zum einen ernsthafte Analyse voraus und zum anderen die rudimentäre Kenntnis der Materie. Davon keine Spur in dem Band, sondern das Kommando von Mitautor Heinz Schlaffer: „Kunstwerke verlangen Disziplin.“ In diesem Sinne muss ich nun aufhören. Gleich gibt Tim Allen den Heimwerker-King in einer meiner Lieblingscomedyserien aus den USA. Auf Deutsch trägt sie den wundervollen Titel: „Hör mal, wer da hämmert“. MARK TERKESSIDIS

Jürgen Wertheimer/Peter V. Zima (Hg.): „Strategien der Vedummung. Infantilisierung in der Fun-Gesellschaft“. Beck’sche Reihe, München 2001, 136 Seiten, 19,80 DM (9,90 €)

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