Kommentar von NICOLA LIEBERT
Der Markt für Weizen gerät außer Kontrolle, die Preise an den Terminbörsen explodieren geradezu - seit Anfang Juli um 50 Prozent. Okay, in Russland und einigen angrenzenden Ländern herrscht Dürre, in Kanada war es zu feucht. Trotzdem droht auf dem Weltmarkt keine Knappheit, nicht einmal andeutungsweise. Nein, das globale Weizenangebot liegt, wenn man die Lagerbestände mitberücksichtigt, derzeit sogar deutlich höher als vor zwei Jahren und nur wenig unter dem Rekordstand vom Vorjahr. Das unterstützt alles nicht die Behauptung, Preise würden sich stets nur durch das rationale Spiel von Angebot und Nachfrage bilden und die Börsen seien dabei bloß Vermittler.
Terminbörsen sollen das Geschäft von Bauern und Bäckern sicherer machen. Indem sie sich schon lange vor der Ernte auf einen Preis einigen, machen sich beide unabhängig von plötzlichen Preisausschlägen, die aufgrund einer besonders schlechten oder besonders reichlichen Ernte auftreten können. Das erhöht die Planungssicherheit und erleichtert es unter anderem, Investitionen in die Landwirtschaft zu tätigen. Wenn nun aber Spekulanten auf diesen Börsen gigantische Preisausschläge erzeugen, die durch die Entwicklungen auf den realen Warenmärkten überhaupt nicht gedeckt werden, dann muss die Frage erlaubt sein, ob der Börsenhandel seine Aufgabe erfüllt. Derzeit leisten die Terminbörsen vor allem eines: Sie blasen ein zwar vorhandenes, aber überschaubares Problem zu einem Riesenproblem auf.
Darunter zu leiden haben nun viele. Zu Recht beklagen Agrarlobbyorganisationen, dass der Markt nicht funktioniere. Ein paar Regeln, die die Rohstoffbörsen in letzter Zeit einführten, reichen nicht sehr weit. Kaum dass bestimmte Fonds an die Kandare genommen werden, kommen andere mit einem nicht minder gefährlichen Geschäftsmodell.
ist Redakteurin im Ökologie- und Wirtschaftsressort der taz.
Am schlimmsten betroffen sind diejenigen, die die geringste Lobby haben: die Menschen in ärmeren Ländern, die auf erschwingliche Lebensmittel angewiesen sind. Vor zwei Jahren, als eine Spekulationswelle fast alle Grundnahrungsmittel erfasste, war eine Welle von Hungerrevolten von Ägypten über Senegal bis Haiti die Folge. Sicher passen sich die Preise irgendwann wieder dem Angebot an. Aber was sagen die Verfechter eines ungehemmten Finanzmarktkapitalismus eigentlich denen, die so lange Hunger leiden müssen?
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