• 17.02.2012

Ein ESC-Boykott hilft politisch nicht weiter

Menschenrechtspolitischer Glücksfall

Kommentar von Jan Feddersen

Dass die Lage der Menschenrechte, überhaupt der Demokratie in Aserbaidschan, nun in die mitteleuropäische Debatte gerät, ist gut. Was denn sonst? Ohne den Sieg beim Eurovision Song Contest voriges Jahr in Düsseldorf wäre dieses kaukasische Land nicht zum Privileg gekommen, das Popevent auszurichten - und niemand hätte sich für die Kosten der marktwirtschaftlich-rechtsstaatsarmen Freiheit dort interessiert.

Das Regime in Baku wird sich im Lichte dieses Ereignisses Ende Mai sonnen. Auch hier gilt: Was denn sonst? Dieser Effekt kann nicht unterlaufen werden, so sehr man dies auch wollen könnte. Dieses Land möchte sich als modern, ökonomisch anschlussfähig und prosperierend darstellen - und der Sieg beim ESC voriges Jahr ist ein Schlüssel dazu. Die Siegenden performten zu einem Act, der in skandinavischen Popstuben gefertigt wurde und also moderner klang als das, was in Aserbaidschan üblich ist.

In Aserbaidschan brach beim ESC-Sieg fettester Jubel aus. Menschenrechtler in Baku möchten unbedingt, dass 10.000 Journalisten, Fans und Künstler samt Entourage im Mai in ihr Land, in ihre Stadt kommen. Ein Eurovision Song Contest bedeutet ihnen: Dass ihre Anliegen erörtert und medial transportiert werden. Dass sie also durch die Debatte selbst auf gewisse Weise geschützt werden, denn ihre Kämpfe bleiben dann nicht mehr unsichtbar für andere.

Jan Feddersen

Jan Feddersen

ist Redakteur für besondere Aufgaben der taz.

Foto: Archiv

Boykottaufrufe laufen ohnehin ins Leere. Wer diesen ernsthaft Glauben schenkt, muss Ländern wie Aserbaidschan oder Georgien oder Russland überhaupt vor allem dies sagen: Ihr dürft jetzt nicht mehr an diesem Contest teilnehmen, nicht mehr an sportlichen Ereignissen (Fußball, Olympia). Dass der ESC in Baku zelebriert wird, könnte menschenrechtspolitisch ein Glücksfall sein.

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