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taz-lab Kolumne S(ch)ichtwechsel #15 Debatten ohne Theoriegeschwafel

Politische Gespräche werden unnötig voraussetzungsvoll, wenn mit Fachbegriffen und Theoriegebilden um sich geworfen wird.

Sind wir wirklich so intersektional, wenn uns niemand außer den Studienkollegx versteht? Foto: Jan Pitman AP

taz lab, 23.04.2022 | von Ehmi Bleßmann

In unserer taz-lab-Kolumne S(ch)ichtwechsel schreiben unsere Autor:innen wöchentlich über Klima und Klasse.

Oft hört man, die Jugend sei politisierter als früher. Immerhin: Die politische Bildung der U30-Fraktion ist eng verflochten mit dem riesigen Informations- und Meinungsangebot im Internet. Dort kriegt man vieles mit, was im popkulturellen Politkanon Wichtigkeit hat. Zumindest, wenn man akribisch Twitterdebatten verfolgt, sich in Netzwerken politischer Influencer oder minutiös in Telegramgruppen tummelt. Das geht nur, wenn man dank seiner Lebensumstände dafür Zeit und durchs soziale Umfeld und den Bildungsweg Berührungspunkte mit Tages- und Szenepolitik hat.

In meinem Umfeld – Studierende, man arbeitet im Kultur- oder Medienbereich – wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass alle einen Überblick über die Nachrichtenlage haben, auch Wissen und Verständnis von diversen Theorien zu Feminismus, Antirassismus, Kapitalismus, eigentlich zu allem, was auf -ismus endet.

Bei Gesprächen über Rassismus fällt „Intersektionalität“ beiläufig, als wäre der Begriff nicht erklärungsbedürftig. Private Beschwerden über einen haushaltsfaulen Partner münden schnell in Kritik „patriarchaler Strukturen“. Beim Schlagabtausch, ob Lastenfahrräder wirklich sein müssen, ist von „sozialökologischen Transformationsdynamiken“ die Rede. Diskussionen über ungleich verteilte Bildungschancen werden mit akademischem Vokabular und langen, komplizierten Satzgebilden geführt.

Politische Gespräche werden unnötig voraussetzungsvoll, wenn mit Fachbegriffen und Theoriegebilden um sich geworfen wird. Ich wünsche mir, dass die Teilhabe am politischen Diskurs über diese elitäre, akademische Öffentlichkeitsbildung hinaus geht. Deshalb: Ein kluges Argument braucht keine klug klingenden Worte.