taz FUTURZWEI-Wahltagebuch #6: Das war's, liebe Kinder

Mit dem Schwadronieren von einer „Klimaregierung“ machen sich die Grünen zum Teil der kollektiven Wirklichkeitsverweigerung, die diese Wahl21 bedeutet.

Nach der Wahl Foto: dpa

Von HARALD WELZER

Unter dem schönen Titel „When Prophecy Fails“ publizierte Leon Festinger 1956 seine Theorie der kognitiven Dissonanz. Einige Zeit zuvor hatte er das Verhalten einer Sekte untersucht, der das Bevorstehen des Weltuntergangs prophezeit worden war. Vorteilhafterweise würden die Sektenmitglieder den Untergang überleben, wenn sie alle weltlichen Güter verkaufen und sich auf einem Hügel versammeln würden, um dann im Moment der Apokalypse von einem UFO abgeholt zu werden.

Festinger interessierte sich dafür, wie die Sektenmitglieder mit der Enttäuschung ihrer Erwartung umgehen würden, wenn die Welt nicht unterginge, was dann ja auch tatsächlich der Fall war. Würden sie vom Glauben abfallen, der Sekte den Rücken kehren, wieder in die Wirklichkeit eintreten?

Nichts davon. Gewiss: Sie erlebten eine Dissonanz – ein Spannung zwischen ihrer Erwartung und der Enttäuschung dieser Erwartung. Diese Spannung wurde aber durch eine bemerkenswerte kognitive Lösung abgebaut. Die Sektenmitglieder gaben an, gar nicht enttäuscht zu sein: Es handele sich ganz einfach um eine Prüfung der Festigkeit ihres Glaubens, mithin um eine Bestätigung ihrer Auserwähltheit, der sie nur gerecht werden mussten!

So ist das auch mit der grünen Wirklichkeit. Okay, es mag ja ein höchst deprimierender Befund sein, dass weder eine Flutkatastrophe mit 200 Toten mitten in Deutschland, noch nie gesehene Brände rund ums Mittelmeer, in Kalifornien und Sibirien noch die Entstehung einer neuen Jugendbewegung für den Klimaschutz dafür ausreichten, dass mehr als ein Sechstel des Wahlvolks eine Partei mit Klimaschutz im Markenkern zu wählen bereit waren. Die grüne Spitze schwadronierte trotzdem am Wahlabend vom „Aufbruch in eine Klimaregierung“ und machte sich konsequent zum Teil der kollektiven Wirklichkeitsverweigerung, die diese Bundestagswahl repräsentiert.

Eine Wahl gegen ernsthafte Klimaschutzpolitik

Als wäre die Erderhitzung nicht längst da und würden die Bundesbürgerinnen und Bundesbürger nicht gerade deshalb genauso wie Festingers Sektenmitglieder die Parteien wählen, die desto fester ans Wirtschaftswachstum und an die Wettbewerbsfähigkeit glauben, je klarer die Naturverhältnisse belegen, dass dieses Spiel zuende ist, deuten die Grünen die finale Niederlage einer zeitgemäßen Klimaschutzpolitik in eine Prüfung der Festigkeit ihres Glaubens um, sie seien die, die noch was rausreißen.

Dabei besiegelt die deprimierende Tatsache, dass nicht Eine und nicht Einer aus der grünen Führungsriege aussprechen wollte oder konnte, dass diese Wahl eben definitiv und ausdrücklich und absichtsvoll und dezidiert eine Wahl gegen eine ernsthafte Klimaschutzpolitik war, die Saft- und Kraftlosigkeit, ja die Unernsthaftigkeit der Grünen in Bezug auf ihre eigene politische Identität.

Irgendwie, liebe Kinder, war’s das jetzt.

Harald Welzer ist Herausgeber von taz FUTURZWEI. Er schreibt im Wechsel mit Chefredakteur Peter Unfried das Wahltagebuch.