die wahrheit: Diese rehbraunen Augen

Wie einmal eine Hauptkassiererin zur Heldin wurde. Eine vergeigte Liebesgeschichte.

Diße ißtä ainä Bankeberrauberei... Bild: rex features ltd./die bildstelle

Lange trieb mich die Frage um, ob ich dieses Tableau einer vergeigten Liebe, dies Exempel narzisstisch verstiegener Rachsucht tatsächlich aufrollen soll. Denn jedes Wort ist nur allzu wahr und für alle Beteiligten bis heute mit nagendem Gram beladen. Die Antwort lautete: Du sollst nicht nur, du musst. Denn das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten, wenn auch meiner bescheidenen Meinung nach weit mehr dilettantischen Stuss als gediegene Bestseller. Und da heißt es selbstverständlich mitnehmen, was reinkommt.

Die traurige Angelegenheit beginnt an einem heiteren August-Morgen im Städchen W. Kurz nachdem Hauptkassiererin Röschen Schmitz ihren Dienst in der Raffeisen- und Volksbankenfiliale angetreten hatte, blickte sie in das schönste rehbraune Augenpaar, das ihr je vor die Designerbrille gekommen waren. Es gehörten einem gebeugten, pyknischen Zausel, der sich Nase an Nase vor Röschen aufgebaut hatte. "Buon Giorno, bella Signora, diße ißtä ainä gedrohte Bankeberrauberei", lispelte der Ganove und nestelte hektisch an der wollenen Skimaske, die er sich über den Kopf gezogen hatte. Röschen Schmitz sagte nichts, es war ihr vierter Überfall in zwei Monaten. Routiniert kratzte sie drei Handvoll Scheine und zwei Pfund Münzen, summa summarum etwas mehr als neuntausend Euro, zusammen und schob sie über den Tresen. Der Italiener fuchtelte ratlos mit seinem Revolver, der aussah wie ein Kinderspielzeug. "Könntä ßie äß nichtä bittä ainpackä?" - "Haben sie keine Plastiktüte dabei, sie Komiker?", gab Schmitz schnippisch zurück. Im Blick des Komikers machte sich Panik breit: "ßcusa, ichä mache daßä äh, ßcheiße, wwie heißtä jätzt, per la prima volta, zum ärßtä Mal."

Über das Gesicht der Bankangestellten huschte der Anflug eines zarten Lächelns. Er hat wirklich sehr schöne Augen, dachte Röschen Schmitz und einen süßen Sprachfehler, der sie frappant an Paolo erinnerte, jenen charmanten Adonis, mit dem sie vor sieben Jahren in Bibione die Nächte nicht nur durchtanzt und am Ende sogar eine dauerhafte Partnerschaft in Erwägung gezogen hatte, bis sie herausfand, dass der omnipotente Paolo nebenbei drei weitere Touristinnen beglückte, außerdem verheirat und Vater von zwei Bambini war. Seufzend langte sie nach ihrem Bikerrucksack, kippte den Inhalt aus, schaufelte die Moneten hinein und reichte ihn über den Tresen. "Molto graßie, ßignora istä ßähr frfeund …" - "Schon gut", sagte Röschen Schmitz, "und jetzt hauen sie ab." Das ließ sich Paolo Strozzi nicht zweimal sagen.

Röschen Schmitz indes war die Heldin des Tages. Ihre eiskalte Grandezza während der Geldübergabe wurde im Lokalblatt gefeiert und seitens der Geschäftsleitung mit einer Prämie belohnt. Zudem winkte die Beförderung ins mittlere Management. Abends feierte sie ihr neues Leben in der Pizzeria Venezia. Gegen halb eins - ihre Tischgenossen hatten sich just verabschiedet, die Bankangestellte einen letzten Grappa geordert - betraten zwei sinistre Gestalten das Lokal. Sie trugen schwarze Lederjacken, Dreitagebart und verspiegelte Sonnengläser. In ihren dunklen Schinkenspeckgesichtern hing die Hundsgemeinheit professionellen Schurkentums. Die sehen aus wie zweitklassige Mafiosi, dachte Röschen Schmitz, und genau das waren sie auch. Das Duo köpften eine Flasche Vecchia Romagna an der Thekenkante, rotze auf die Auslegeware und rief nach dem Wirt.

Zu Röschens Verblüffung trat niemand anderes aus der Küche als Paolo Strozzi. Sie hätte ihn fast nicht erkannt. Das prächtige Mannsbild war zu einem Bild des Jammers geschrumpft. Fahl und aufgequollen wie lauwarme Polenta stand er da. Aus allen Poren rinnsalte Schweiß. Unter anderem in einen Rucksack, der aussah wie Röschens Rucksack und der Paolo unter der linken Achsel klemmte. Er kippte den Inhalt, summa summarum etwas mehr als neuntausend Euro, auf die Theke. "Daß isstä alleß." Wortlos strichen die Mafioso die Summe ein, bedankten sich mit einer Kopfnuss und schlenderten zum Ausgang. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, bekam Paolo Strozzi einen Weinkrampf.

Er ließ sich neben Röschen auf einen Stuhl sinken, ergriff ihre Hand und begann mit einer Suada, die ausgehend von den sexuellen Versuchungen des adriatischen Strandlebens das Sakrament der katholischen Ehe streifte, des Weiteren von heiklen, aber nicht genauer definierten Aktivitäten seines sizilianischen Schwagers raunte, deren Auswirkungen auf die italienische Exportwirtschaft im Allgemeinen und das Pizzagewerbe im Besonderen erläuterte, im weiteren Verlauf zur deutschen Steuergesetzgebung wechselte, die Kosten für zwei verwöhnte Teenager mit den ruinösen Mehl- und Eierpreisen addierte sowie daraus resultierende finanzielle Engpässe in Anschlag brachte, um schließlich bei dem mit tränenreicher Stimme vorgetragenen Bekenntnis zu enden. "Rößchen, ichä habe dichä doch immer geliebtä." Die Hauptkassiererin sah Paolo Stozzi noch einmal tief in die rehbraunen Augen, dann verbat sie sich energisch weitere Vertraulichkeiten. Am nächsten Morgen zeigte sie den Pizzabäcker an.

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kari

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