die wahrheit: Die Entstehung des Ich

Am Anfang war eitel Summen, ein Ursummen, das der fixen Idee des Nichts, doch etwas zu sein, entsprungen sein mochte ...

... Das Summen brachte Zeit und Raum hervor. Um sich selbst als Summen wahrnehmen zu können, bedurfte es der Einrichtung eines Bewusstseins mit Ohren. Dabei entstand als Abfallprodukt menschliches Denken. Fertig war das Ich. Es bewohnte ein Häuschen, dessen Räume erfüllt waren vom Getrappel seiner zahllosen kleinen Füße.

Eines Tages war das Ich in der Küche, um Trotzbolzentunke zu kochen. Da kamen die Kinder von der Schule heim. Was brachten sie mit? Unmengen Goldes? Diademe? Perlen? Nein, nur eine furchtbare Hausaufgabe. Einen Aufsatz mussten sie bis zum nächsten Donnerstag schreiben, und das Thema hatte es in sich: "Die Goldene Hochzeit meiner Eltern, meine Morde und meine anschließende Selbsttötung". Die beste Arbeit sollte ohne Namensnennung des Verfassers in der Tageszeitung abgedruckt werden.

Das Ich war außer sich - von Kindern wurde so etwas verlangt! Von Kindern! Es waren doch Kinder? Das Ich sah sie genauer an, und da stellte sich heraus: In Wirklichkeit waren es Knallgeräusche! Daher musste das Ich den besten Aufsatz zum Thema "Die Goldene Hochzeit meiner Eltern, meine Morde und meine anschließende Selbsttötung" schreiben:

"In der ganzen Nachbarschaft hatten meine Eltern hässliche Stühle zusammengebettelt und in den dumpfen Verschlag neben dem Haus gestellt, denn die Goldene Hochzeit sollte dort gefeiert werden. Während des Vormittags lag ich im Treppenhaus und hörte, wie Blumen abgegeben wurden. Hin und wieder erschienen dicke Frauen, die mit meiner Mutter wie auf Knopfdruck kirchliche Lieder absangen. Auch der Gemeindepfarrer war darunter. Mein Vater lief im Orgelschurz ums Haus und schlug sich mit der Faust an die Stirn. Immer, wenn ich ihn einmal erwischte, fragte ich ihn aus, woran man eine Thrombose erkenne. Er konnte mich überhaupt nicht hören, so sehr litt er an seinem Ich und unter seiner Goldenen Hochzeit.

Am Nachmittag waren plötzlich lauter entsetzliche Leute da. Darunter waren zwei Greise, eine Frau und ein Mann, die schamlos logen. Bald behaupteten sie, sich ein Harley-Davidson-Motorrad kaufen zu wollen, bald, die Bundeskanzlerin habe sie zu einer Butterfahrt eingeladen, und sie hätten alles selbst bezahlen müssen. Und ich Idiot glaubte ihnen gern jedes Wort, weil ich auf die Großen einen besonders gescheiten Eindruck machen wollte.

Nun lief ich ums Haus und schlug mir mit der Faust an die Stirn, bis man mich wieder hereinrief. Meine Mutter kommentierte: ,Das Kind wird irre am Ich.' Dauernd musste ich allen Kaffee einschenken und Kuchen auflegen, und so war es sehr leicht für mich, die ganze Bande zu vergiften. Endlich war Ruhe im Verschlag. Doch kam man mir dahinter, und seither belagert mich die Polizei. Sie sollen mich aber nicht lebend bekommen, daher versuche ich wie wild, mich mit meinen zahllosen kleinen Füßen totzutreten."

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