die wahrheit: Oceans Eleven für Arme

Der Schutzengel der Spielsüchtigen greift rechtzeitig ein.

Eine Masse von Jetons, die unbeaufsichtigt auf dem Spieltisch liegt, ist für jeden Gast äußerst verführerisch. Bild: ap

"Wenn man davon nur zwei wegnehmen würde, das würde doch im Leben niemand bemerken", sagte Hermann mit einem merkwürdigen Glitzern in den Augen. Und auch ich selbst konnte es kaum fassen. Da lagen sie vor uns, schön in Reih und Glied, nach Wert und damit nach Formen und Farben geordnet. Die 500er waren groß, rechteckig und gelb.

"Nur zwei!", wiederholte Hermann, "man will ja nicht zu gierig sein." Wir sahen uns um. Im Hauptraum wurden Karten gemischt und verteilt, es drehten sich die Glücksräder, lustig hüpften die Kugeln von Zahl zu Zahl, die Spieler schoben ihre Jetons hin und her - im Casino herrschte munteres Treiben, und die Leuchter glitzerten hell und strahlend. Doch hier, im abgedunkelten Nebenbereich des Casinos, in den wir uns verirrt hatten, mangelte es nicht nur an Licht, hier mangelte es vor allem an Moral. Hermann und ich waren auf dem besten Wege, den Pfad der Tugend zu verlassen und Mördergruben aus unseren Herzen zu machen.

Die Casino-Angestellten hatten bei einem der Baccara-Tische, an dem gerade nicht gespielt wurde, offensichtlich vergessen, die Jetons wegzuräumen, die jetzt unbewacht in ihren Fächern lagen und zum Zugreifen quasi aufforderten. Staunend standen Hermann und ich davor und wunderten uns über so viel Nachlässigkeit. Da würden sicher bald Köpfe rollen, darüber waren wir uns einig.

"Es ist ja nur Fantasie", sagte Hermann, "aber es wäre so leicht, hier jetzt einfach zwei 500er zu nehmen, sich dann wieder unter das normale Spielvolk zu mischen und dann mit der Beute zur Kasse zu gehen, sich die Kohle zu schnappen und zu verschwinden. Niemand könnte uns nachweisen, dass wir die 500er nicht beim ehrlichen Glücksspiel gewonnen haben." Ich schaute mich um. Tatsächlich beachtete uns niemand.

"Man könnte aber auch gleich vier nehmen", gab ich zu bedenken, "das macht ja keinen großen Unterschied …" Hermann nickte: "Wenn man ein Casino beklaut, dann trifft es ja keinen Armen, die sind ja alle verstaatlicht." Wir wagten nicht, uns in die Augen zu sehen. "Sicher sind hier überall versteckte Kameras", mutmaßte ich.

Wir schauten uns um, konnten aber keine entdecken. "Ich hätte aber einfach nicht die Chuzpe dazu", gestand Hermann nach einer Weile versonnenen Liebäugelns mit den gelben, rechteckigen 500ern und erinnerte mich damit daran, dass ich, als ich noch Werkstudentin bei einer großen Bank war, oftmals vor dem Tresor stand und dachte: "Wenn ich jetzt einfach aus einem der unteren Päckchen von Tausendmarkscheinen nur einen einzigen rauszöge, dann würden die das erst in einem Jahr bemerken und nicht mehr mit mir in Verbindung bringen." Aber ich hatte damals einfach nicht die Traute.

"Sollen wir es tun?", riss mich Hermann aus meinen Gedanken, und noch ehe ich "Ja!" sagen konnte, sprang plötzlich eine bisher nicht bemerkte Tür in unserem abgedunkelten Nebenbereich des Casinos auf.

Ein Herr im Anzug, der Omar Sharif zum Verwechseln ähnlich sah, zielte mit federndem Schritt direkt auf Hermann und mich und begrüßte uns mit den Worten: "Aha! Sie haben offensichtlich Interesse an unserem Baccara-Lerntisch gefunden. Das ist schön. Wir geben hier zweimal die Woche Seminare für Neu-Casino-Kunden. An diesem Tisch, an dem Sie nun schon beinahe eine halbe Stunde herumstehen, geben wir jeden Mittwoch Neueinsteigerkurse für potenzielle Baccara-Spieler. Die Jetons an diesem Tisch sind größer und farbig anders gestaltet als die echten Jetons, damit die Neulinge sie besser unterscheiden können. Möchten Sie so ein Casino-Seminar eventuell buchen?"

Mir stieg das Blut zu Kopf, ich begann zu schwitzen, allein beim Gedanken daran, wie Hermann und ich diebisch kichernd versuchen, die geklauten Fake-Jetons an der Kasse einzulösen. "Herzlichen Glückwunsch", hätte der Kassierer sicherlich falsch geflötet, während er mit der linken Hand bereits nach dem Alarmknopf tastete, um den hauseigenen Sicherheitsdienst über unser geisteskrankes Tun zu informieren, der uns dann mal so richtig in die Mangel genommen hätte, um uns danach - geschunden und geprügelt - dem Spott der Weltpresse auszusetzen.

Hermann und ich starrten uns mit schreckgeweiteten Augen an. Dann blickten wir zurück zu dem Herrn - doch der war wie vom Boden verschluckt. Auch die Tür, aus der er gekommen war, existierte nicht mehr. "Das war der Schutzengel der Spielsüchtigen", flüsterte Hermann krächzend, "nichts wie weg hier!" Beschämt schlichen wir von dannen.

Die Wahrheit auf taz.de

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit. Sie hat den ©Tom. Und drei Grundsätze.

Wenn Sie bei der taz anrufen, bekommen Sie keine gewöhnliche Warteschleife zu hören. Bei uns liest die Wahrheit ihre Gedichte vor!

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben