die wahrheit: Im Jahr des Hasen: Zurück in der Albtraumstadt

Es hat viele Versuche gegeben, meine Rückkehr nach Peking zu verhindern. Zuerst verschob mein Berliner Zahnarzt immer wieder den endgültigen Gebissreparaturtermin nach hinten ...

... Mal waren angeblich die weltweiten Zahnschmelzreserven o. s. ä. kurzfristig "aus", später hatte es ein Zahntechniker mit dem Rücken. Nachdem er mir schließlich doch noch sämtliche fehlenden Zähne eingesetzt und auf Hochglanz poliert hatte, begannen mich meine "Freunde" an jedem Abend, den Gott noch werden ließ, betrunken zu machen. Ich denke, sie wollten mich auf diese Weise am Packen hindern, was zunächst auch gelang.

Den Freunden kamen Mückengeschwader zu Hilfe, die wie aus dem Nichts in meinem Berliner Zimmer erschienen und mich nächtelang nicht schlafen ließen. Die Biester spekulierten wohl darauf, dass ich wegen Übermüdung das Buchen des Rückfluges vergessen würde. Als mir das in einer klaren Minute doch gelang, bemerkte ich, wie mir Frauen, die mich noch nie beachtet hatten, plötzlich schöne Augen machten. Natürlich noch son Bleibetrick.

Schließlich begann es Warnungen zu hageln. Mein alter Freund, der weltberühmte Heimwerker Ai Weiwei, veröffentlichte zehn Tage vor meiner geplanten Abreise im amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek einen düsteren Text, in dem er Peking eine "Stadt der Verzweiflung", "eine Stadt der Gewalt", "einen permanenten Albtraum" nannte. Hier gehe es nicht anders zu als in "Kafkas Schloss". Und ein einst halbwegs renommierter Popschriftsteller und heutiger Lifestylejournalist berichtete mir auf einer Party mit gequälter Stimme von seiner letzten Luxusproduktrecherchereise nach China: Peking sei entsetzlich, es stinke in der U-Bahn, weshalb er, der ansonsten niemals auch nur ein Fünkchen Emotion zeige, tatsächlich auf der Straße in Tränen ausgebrochen sei. "Ja, ich habe wirklich geweint. Und kein Pekinger hatte Mitleid."

Sogar das Wetter tat alles, um mich in Deutschland festzunageln. Erst schien erstmals in diesem Sommer länger als zwei Stunden die Sonne, was mich ins Freibad lockte, wo ich tatsächlich für einige Minuten weich zu werden schien. Als es aber auch auf diese Weise nicht gelang, meinen Willen zu brechen, versuchte es am letzten Tag der deutsche Wetterbundespräsident noch einmal andersrum. Unwetterartige Regenfälle sollten mich dran hindern, den Flughafenbus zu erreichen.

Am Ende habe ich es trotzdem geschafft. Ich bin jetzt wieder hier. Und will allen Menschen und Mächten danken, die versucht haben, mich vor diesem Stadtinferno zu bewahren. Denn ich weiß natürlich: Es war alles gut gemeint. Und wahrscheinlich ist es ja hier wirklich ganz furchtbar, wenn es auch auf den ersten Blick mal wieder nicht so scheint. Darum kommen Sie am besten selbst nie in unsere Albtraumstadt, sondern lassen sich nur berichten. Ich werde jedenfalls an dieser Stelle weiterhin meinen Teil dazu beitragen. Sie aber dürfen derweil damit fortfahren, in Berlin, Frankfurt oder Jena-Paradies ein Leben wie die olympischen Götter zu führen.

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kari

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