Zum Tag gegem Lärm: Ohren auf, in Berlin!

Am Tag gegen Lärm soll auf den akustischen Dauerstress durch Straßen-, Bahn- und Flugverkehr aufmerksam gemacht werden. Aber ist Stille nicht auch gefährlich? Ein Streifzug durch Berlins Klangwelt.

Was die einen hassen, vermissen andere und umgekehrt Bild: ap

Steglitz, Bornstraße, 6.30 Uhr

Zugegeben, es ist früh. Es ist unsozial. Kollegen sagen, es sei die senile Bettflucht. Aber: Sonntagmorgen ist es bei mir endlich einmal ruhig. Kein latentes Verkehrsrauschen von der Straße hinter dem Haus, die Autofahrer als Ausweichstrecke zur Schlossstraße nehmen. Keine quietschenden Reifen vom Gefährt eines Parkanfängers. Keine fröhlich kreischenden Kinder vom Spielplatz an der Ecke, kein Plopp-plopp von Tischtennis spielenden Jugendlichen auf demselben. Kein Gekläffe des Miniaturköters im Nachbargarten, der aus Angst vor dem Kater ständig neue Oktaven erschließt. Einfach nur: Stille.

Ich öffne die Fenster und lausche. Und während ich da stehe und staune, fällt mir auf, wie sehr der Alltagslärm zum Alltag geworden ist. Die ständige Geräuschkulisse ist ins Leben integriert, hat sich ins Unterbewusstsein eingeschlichen. Es ist furchterregend. Aber vielleicht wird das Leben in der Stadt nur so erträglich: Würde mir der Krach permanent bewusst, ich würde in kurzer Zeit dem Wahnsinn verfallen. So hangele ich mich durch die Woche und freue mich auf den Sonntagmorgen. Später, wenn die Welt um mich erwacht und ihrem Lärmpegel neues Futter gibt, schließe ich die Fenster. Und lege mich wieder hin. PEZ

Wedding, Reinickendorfer

Bevor ich nach der Türklinke greife und mein Haus verlasse, stecke ich die Kopfhörer in meine Ohren. Ich will informiert in den Tag starten. Auf dem Weg zur U-Bahn-Station höre ich Radio auf meinem Smartphone. Weltnews, Berlin-Nachrichten,Wetter- und Vehrkehrsmeldungen. Männer-, Frauen- und Kinderstimmen. Deutsch, Englisch und Russisch. Der Soundcocktail für den Morgen ist bunt.

Draußen geht es genauso multikulti wie in meiner Klangwelt zu. Der Obstverkäufer baut seinen Stand auf. Die Frau mit Kopftuch schiebt den Kinderwagen vor sich. Der Mann mit Bart gießt einen Eimer Wasser auf sein altes Auto aus.

Wenn ich die Treppe zur U-Bahn herunterlaufe, werden die Stimmen immer undeutlicher und das Rauschen in meinen Ohren immer unerträglicher. Ich schalte das Radio aus. Die Kopfhörer bleiben aber in meinen Ohren. Nun dienen sie als Ohrstöpsel. Ich will nicht, dass Waggongeräusche, Zugbremse, Gähnen und regelmäßige Aufrufe zum Zurückbleiben mich ablenken. Ich konzentriere mich auf dem Bildschirm mit den Nachrichten im Waggon. ok

Neukölln, Oderstraße, 12.30 Uhr

"Ich gehe jeden Tag mit meinem Dackel auf die Hundewiese hinter dem Flugfeld. Seitdem der Flughafen Tempelhof zu ist, fehlt mir richtig was: der Lärm der startenden und landenden Maschinen. Ich konnte die schon am Geräusch erkennen. Für die Leute, die hier direkt vis-à-vis ihre Schlafzimmer haben, ist es natürlich eine Erleichterung. Die mussten immer zum Fenster hechten, wenn wieder einer startete - sonst wehte ihnen Krach und Kerosingestank in die Wohnung. Aber mir ist es jetzt fast ein bisschen zu still.

Ich finde, dass man Tempelhof ruhig für wichtige Staats- und Wirtschaftsgäste hätte offen lassen können. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung - ob die Mehrheit der Leute hier auch so denkt, weiß ich nicht. Ich bin ein Mensch, der kein Problem mit Lärm hat - im Gegenteil, das gehört zu einer Großstadt. Bei Konzerten stehe ich immer ganz nah an den Boxen. Auch in Kreuzberg, wo ich früher gewohnt habe, fand ich es toll, dass immer was los war: Straßenfeste oder 1. Mai - ich war mittendrin. Aber wenn sich die Stimmung dreht und das Gewusel in Tumult umschlägt, dann suche ich das Weite und gehe nach Hause in meine Wohnung. Die ist zwar im Vorderhaus, für mich aber ruhig genug." Protokoll: API

Ingrid Brügge, 56, wohnte zehn Jahre in unmittelbarer Nähe zum Flughafen Tempelhof.

Prenzlauer Berg, Tram-Haltestelle Greifswalder Straße, 17 Uhr

Wahrscheinlich sind der Bau und Einsatz von Flüster-Trams - wie der Straßenbahn auf der Linie M 4 - rausgeschmissenes Geld. Zum Teil jedenfalls. Dass man da leichter einsteigen kann, ist okay, und wenn ein Vater den Kinderwagen ohne Kraftanstrengung in den Waggon reinbekommt, ebenso. Aber warum die Tram dabei noch "flüstern" muss, sprich leise auf spezieller Fahr- und Neigetechnik in den Schienen schleicht, leuchtet nicht ein. Es ist höllisch laut um diese Zeit entlang der Greifswalder Haltestelle, Tausende sind auf dem Weg von der Arbeit nach Hause - mit dem Pkw!

Stille ist hier Illusion, auch die der Straßenbahn M 4. Am allerwenigsten interessiert die Flüster-Tram die Kids mit ihren MP3-Playern und Knopf im Ohr. Die wollen es saulaut haben! Apropos Knopf im Ohr: Da erzählt mir ein Passant, dass 2008 an dieser Stelle eine junge Frau das Gleisbett überqueren wollte. Dabei überhörte sie - Walkman hin oder her - wohl die Flüster-Tram, die an die Haltestelle gerade heranrollte. Sie starb, ebenso wie drei weitere Personen, die von der tödlichen Stille erfasst, mitgeschleift oder überrollt worden waren. Natürlich hätten sie aufpassen müssen! Hätte es laut gequietscht vor der Haltestelle - wie die alte Ost-"Rumpelbahn" es tat - könnten sie vielleicht noch leben. ROLA

Neukölln, nach Mitternacht

Wenn ich nicht einschlafen kann, beunruhigt mich die Stille. Neukölln ist derzeit der angesagte Partybezirk. Ich wohne mittendrin. Im Hinterhaus. Draußen tobt das junge wilde Großstadtleben. Drinnen bei mir ist es still. Treffe ich Nachbarinnen aus dem Vorderhaus, Bekannte aus dem Kiez, höre ich sie klagen, dass sie nachts nicht mehr schlafen könnten. Der Lärm gruppenweise durch die Straßen ziehender junger Leute, angezogen in wachsender Zahl von Berichten über das hippe Nachtleben in unserem Trendbezirk, stört und ärgert sie. Sie sind schon länger hier, waren schon vor dem Trend da. Jetzt wird alles anders - und schlechter, finden sie.

Komme ich mal spät heim, sehe ich die Nachtschwärmer und bin überrascht. Nachts ist es auf den Straßen in meinem Kiez mittlerweile voller als tagsüber. Und lauter. Die jungen Ausgeher passen sich an das an, was sie vermutlich für Neuköllner Sitten halten. Man trinkt sein Bier auf der Straße, in Gruppen, die laut sind und groß, ab und zu scheppern leere Flaschen über das Kopfsteinpflaster und zersplittern mit lautem Klirren. Doch ich komme selten spät heim. Ich gehe gern früh schlafen. Kommt der Schlaf aber nicht, beunruhigt mich die Stille. Ich liege wach und lausche.

Spät, lange nach Mitternacht, kommt meine Nachbarin nach Hause, die über mir wohnt. Sie arbeitet in einem dieser angesagten Ausgehorte. Wenn ich das Klappern ihrer Absätze auf dem Holzfußboden höre, das Knarren ihrer Schranktüren, die leise Musik, die sie anmacht, bin ich beruhigt. Es gibt Leben da draußen. Ich kann einschlafen.

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