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Yasemin Said Friendly FireWie viele Signale braucht es eigentlich noch?

Mein Handy leuchtet auf, als ich eine besorgte Nachricht bekomme „Hey, ich hab heute an dich gedacht“. Hä? Ich entsperre den Bildschirm, klicke auf den Kasten. Ich verstehe nichts. Dann macht es Klick. Heute waren Wahlen in Sachsen-Anhalt. Die AfD hat gewonnen. Ich bin nicht weiß, deswegen könnte mir das Angst machen, denkt die Person, die mir schreibt. Parallel titelt der Spiegel „Was haben die Verfassungsfeinde vor?“ und die New York Times „AfD victory in Saxony-Anhalt sends a signal to Europe“. Ich frage mich: Wieso habe ich keine Angst? Und welches Signal?

Es schreiben mir an dem Tag drei Personen, dass sie an mich denken. Sie vergessen, dass ich aus Sachsen und nicht Sachsen-Anhalt komme, aber das ist vielleicht auch egal. Ich kann mir vorstellen, wie sich der AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt für marginalisierte Gruppen anfühlt.

Immerhin hat die Aufmerksamkeitsspanne bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt länger angehalten als in den benachbarten Bundesländern. Dafür hatten die aufgebrachten Artikel gesorgt, in denen Kol­le­g*in­nen darauf hingewiesen haben, etwas differenzierter und ausführlicher auf die politische Gemengelage in den neuen Bundesländern zu blicken. Und das nicht nur kurz vor den Wahlen.

Der Schrecken steckt in den ausbleibenden Reaktionen der letzten zehn, zwanzig Jahre

Die Zeitlichkeit störte mich weniger. Mein Leipziger Lokalpatriotismus war dafür nicht ausgeprägt genug. Ich dachte auch nicht, dass man erst die Komplexität dieser Stadt oder die der Region begreifen muss, damit man im Detail analysieren kann, wie der Rechtsruck passieren konnte.

Was ich eher dachte: Der Rechtsruck war allen Orten in Deutschland inhärent, aber sah in seinen Ausprägungen unterschiedlich aus. Vielleicht war er in Ostdeutschland mittelständischer. Konnte sich das Bildungsbürgertum der alten Bundesländer leichter von den Menschen mit starkem Dialekt abgrenzen, die ihre Hände vor die ZDF-Fernsehteams hielten und „Nehmen Se jefälligst Ihre Gamera doa weg!“ brüllten? Waren die Codes der Fa­schis­t*in­nen aus der Arbeiterklasse leichter zu erkennen und zu dekonstruieren?

Womöglich funktionierte die Abgrenzung so gut, dass rechte Ideologien, die in schickem Gewand daherkamen, zu Akzeptanz in der politischen Mitte führte. Das passierte aber nicht über Nacht. Der Politologe Armin Pfahl-Traugh­ber beschreibt das als das „Beackern des Feldes der politischen Kultur durch Rechts­extre­mis­ten“. Man kann also eine politische Mehrheit erst für sich gewinnen, wenn man sie dafür geistig vorbereitet hat. Der intellektuelle Rechte, der auf den ersten Blick weniger bedrohlich wirkt, hat dafür die Vorbereitungen übernommen. Sicherlich haben die Debatten um „Pallywood“ und das „Stadtbild“ ihr Übriges dafür getan, dass Rassismus irgendwie wieder okay wurde.

Und ja, Sachsen-Anhalt ist entgegen internationaler Analysen und innerdeutscher Fragen nach „Wie braun wird Sachsen-Anhalt?“ kein Warnsignal. Der AfD-Sieg ist der Beweis dafür, wie normalisiert und gesellschaftsfähig rechte und rassistische Ideologien in Deutschland sind. Und er ist Teil des europäischen Rechtsrucks, dessen Mitgliedstaaten sich in ihren Ängsten eher bestärken als beruhigen.

Dass der Ort, an dem man groß geworden ist, zu dem Monster heranwächst, vor dem man gewarnt hat, ist also nicht sonderlich erschreckend. Der Schrecken steckt eher in den ausbleibenden Reaktionen der letzten zehn, zwanzig Jahre. Wenn die mehrheitsgesellschaftliche Passivität gegenüber rechter Bedrohung schon dazu geführt hat, dass Misstrauen entsteht, dann ist es wirklich keine Überraschung mehr, wenn nun ein Bundesland offiziell braun ist. Vielleicht wäre eine angebrachte Schlagzeile also eher „What the fuck did we do?“.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen