Wohnpolitik in Delmenhorst

Grundversorgung? Fehlanzeige.

Im Delmenhorster Wollepark leben rund 200 Menschen ohne Wasser und Gas. Die Bewohner*innen fühlen sich im Stich gelassen.

Wohnraum verschwindet, die Ohnmacht gegenüber der Stadt bleibt Bild: Paul Toetzke

von THILO ADAM

„Endlich kommt der Schandfleck weg“, sagte der Delmenhorster Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) im April. Damals rückten Bagger an, um erste Wohnblöcke im Wollepark abzureißen. Kurz darauf stellten die Stadtwerke in den Blöcken 11 und 12 rund 350 Menschen Wasser und Gas ab,Nebenkosten waren monatelang nicht bezahlt worden. Die Folge war bundesweites Medieninteresse. Teilweise geriet die Berichterstattung hysterisch, angesichts der Bilder und Zustände, die man in Deutschland für ausgeschlossen hielt.

An einem Runden meinland-Tisch wollte die taz nun mit Betroffenen und Akteuren, mit der Stadt und Bewohner*innen über die Lage im Wollepark sprechen, entdramatisieren und dabei für Dialog und gegenseitiges Verständnis werben. Das gestaltete sich allerdings schon im Vorfeld schwieriger, als erwartet.

Auf der Suche nach Expert*innen zur sozialen Infrastruktur vor Ort, zu Sanierungsplänen und zum alltäglichen Miteinander im Wollepark stießen wir auf rege Gesprächsbereitschaft. Immer verbunden jedoch mit dem Bescheid, erst die Zusage von Vorgesetzten und der Stadt abwarten zu müssen.

Ein Redeverbot der Stadt

Nur ein Beispiel: Susanne Ahrens war als Vertreterin des Sanierungsträgers GEWOBA lange angekündigt. Keine Stunde vor Veranstaltungsbeginn dann plötzlich die Meldung: Sie dürfe leider nicht kommen, sehr bedauerlich, Gründe seien bei der Stadt zu erfragen.

Deren Pressesprecher wiederum, seit Wochen mit der taz im Austausch über die geplanten Gäste, erfuhr angeblich erst durch unsere Nachfrage vom Auftrittsverbot. Kurz: Die Suche nach Diskutierenden für den Tisch in Delmenhorst war so kompliziert, wie bei keiner der fast fünfzig anderen taz.meinland-Stationen.

„Schon vor zehn Jahren wollte ich meine Tante im Block 8 nicht mehr besuchen, weil alles so brüchig war.“

Keine guten Bedingungen also für ein lösungsorientiertes Gespräch. Dennoch ist die Atmosphäre im Irish Pub direkt am Wollepark dann erstmal so urig wie herzlich. Auch zwei Roma-Familien aus den Problemblöcken sind im Publikum. „Schlimmer als bei Tieren“, beschreiben sie die Zustände in den Fluren. Exkremente und Müll gebe es überall und ohne Wasser keine Gelegenheit die Kinder zu waschen. Geschockt ist niemand im Raum, alle kennen die Bilder.

Fritz Brünjes, als Fachbereichsleiter der Stadt Delmenhorst unter anderem verantwortlich für die Ressorts Bauen und Planen, weist die Verantwortung mit Blick auf die Rechtslage von sich:„Eigentum verpflichtet. Auch wenn Eigentümer ihre Pflichten verletzen, haben sie immer noch Rechte.“ Die Stadt könne erst einschreiten, wenn „ein bestimmter Punkt“ überschritten sei.

Dazu werde es im Wollepark unweigerlich kommen, gibt auch Brünjes zu, nur sei man aktuell noch nicht soweit. Allerdings: Der Winter naht, 200 Menschen aus den Problemblocks brauchen bis dahin eine neue Wohnung – mit Gas und Wasser. Die sollen immerhin, verspricht die Stadt, unter anderem mit Hilfe der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft GSG rechtzeitig gefunden werden.

Das Stichwort Integration

Wie aber konnte die Lage überhaupt dermaßen eskalieren? Ein Zuhörer meint: „Schon vor zehn Jahren wollte ich meine Tante im Block 8 nicht mehr besuchen, weil alles so brüchig war.“ Reagiert hat man nur bedingt. Nummer 8 ist inzwischen saniert, anderswo hat man das wegen unklarer, teils dubioser Besitzverhältnisse verpasst.

„Man muss die Menschen mischen, damit das Zusammenleben klappt.“

Katastrophal sind die Verhältnisse trotzdem längst nicht überall. Zumindest nicht im nördlichen Block von Elisabeth Moos. Kalt lässt sie der Zustand nur wenige Straßen weiter südlich aber auch nicht. Seit 24 Jahren wohnt die Russlanddeutsche hier, seit 15 ist sie Bewohnervertreterin. Die Probleme seien eng mit dem Stichwort Integration verknüpft. „Idioten gibt es in jeder Nation“, sagt sie, „natürlich auch im Wollepark. Wir dürfen aber nicht grundsätzlich sagen, hier leben schlechte Menschen.“

Auch sie kam zunächst als Fremde nach Delmenhorst. Eine Erfahrung hat sie dabei besonders verinnerlicht: „Man muss die Menschen mischen, damit das Zusammenleben klappt.“ Im betroffenen Viertel gelinge das kaum. Die Kulturen blieben unter sich. Besonders Angebote zur Sprachförderung vermisst Moos heute vor Ort.

Das Ehrenamt allein schafft den Müll nicht weg

In den letzten Jahren kamen viele Menschen aus Osteuropa in die Gebäude. Ihre Integration wird vor allem mit EU-Geldern finanziert, den erfolgreichen Antrag hat die Diakonie gestellt. Bei der ist auch Eva Bernau beschäftigt. Als Quartiersmanagerin arbeitet sie seit März im Wollepark, jeden Tag mittendrin, im Nachbarschaftsbüro.

Sie tut sich schwer, für ihre ersten Eindrücke vom Leben in den maroden Gebieten Worte zu finden. „Wie ein Viertel aussieht, beeinflusst stark, wie sich die Menschen darin verhalten“. Zwar lobt sie den „unheimlichen ehrenamtlichen Einsatz“ im Park, fordert aber auch: „Beim Thema Müll muss es voran gehen.“

Einst stand die Siedlung Wollepark für Aufbruch und Moderne. Heute gilt sie als sozialer Brennpunkt, nun sollen die MieterInnen raus. In der Reportage finden Sie die Hintergründe.

Das schlägt auch Anne Frerichs, Pfarrerin im Stadtteil Düsternort, vor. „Niemand ist da so empfindlich wie die Deutschen“. Vielleicht müsse die Stadt die nächsten paar Jahre den Müll einfach häufiger wegfahren. „Sauberkeit erleichtert Integration“, so ihre Hoffnung.

Aber hat der Wollepark überhaupt eine Zukunft? Zumindest die der maroden Blöcke scheint schon lange besiegelt. Hat die Stadt denn nun einen Plan für das Gebiet? Visionen verbreitet Stadtvertreter Fritz Brünjes auch am meinland-Tisch nicht. Es scheint, als fühle sich die Stadt in ihrer reagierenden Rolle wohl. „Wir dürfen das Viertel nicht in seiner Gesamtheit stigmatisieren“, sagt er, die Blöcke 11 und 12 klammert Brünjes in seiner Betrachtung dabei gerne aus.

Um Fälle wie diese in Zukunft zu vermeiden, setzt er stattdessen auf die neue niedersächsische Landesregierung. Ein Wohnungsaufsichtsgesetz nach Vorbild von NRW und Bremen solle die Stadt in die Lage versetzen, frühzeitig einzugreifen, wenn Eigentümer Wohnungen verfallen lassen.

Das bleibt aber vorerst Zukunftsmusik, den Menschen im Wollepark nutzt die Aussicht wenig. Kaum besprochen wird zudem, wie man sie in die Lage versetzt, ihre Vermieter für Pflichtverletzungen effektiv zur Rechenschaft zu ziehen.

Keinen Plan für den „Schandfleck“

In zu vielen Fragen herrscht Ratlosigkeit. Eva Bernau beteuert glaubhaft die sozialen Bemühungen im Gebiet: Gemeinschaftsgarten, Fahrradwerkstatt, Geben-und-Nehmen-Laden, Alphabetisierungstreffs, Nähkurs; Elisabeth Moos erzählt von aufmüpfigen arabischen Flüchtlingskindern und hilfloser Polizei; Fritz Brünjes vom gescheiterten Versuch via Amtsgericht eine Notverwaltung einzurichten; Anne Frerichs von Ressentiments in Schulklassen. Niemand möchte, dass es so bleibt wie es ist, konkrete Veränderungspläne gibt es aber auch nicht.

Die Anwohner-Familien im Publikum werden unruhig. Stühle rücken, es wird getuschelt, übersetzt. Nicht nur die Jüngsten schweifen ab, wenn am Tisch ordnungsrechtliche Details verhandelt werden. „Ganz schön unhöflich“, finden manche Zuhörer*innen die wachsende Unruhe. Es gibt wohl weiterhin viel zu besprechen im Wollepark, in Delmenhorsts „Schandfleck“.