Wie weiter, Fridays for Future?: Liebe Luisa Neubauer

Wer will, dass das Klimaproblem gelöst wird, kann nicht im Sandkasten der moralischen Überlegenheit bleiben.

»Man begrüßt Neues, ohne Altes konsequent zu verabschieden«, schrieb Klimapolitikaktivistin Luisa Neubauer in taz FUTURZWEI 13. Bild: Marlin Helene

Von BERNHARD PÖTTER

Es ist ein schönes neues Wort, um eine unschöne alte Haltung zu umschreiben: »Doomism« nennt eine Forschergruppe um William Lamb vom Berliner Thinktank MCC die These, in der Klimakrise komme jede CO2-Reduzierung »zu spät und sei zu wenig«, die Katastrophe sei praktisch nicht mehr aufzuhalten. Untersucht hat Lambs Team die »Argumentationsmuster der Klimabremser«, die vor allem daraus bestehen, Verantwortlichkeit zu verschleiern, Scheinlösungen anzubieten und Nachteile des Klimaschutzes zu betonen.

Es ist seltsam zu sehen, dass manche Argumentationsmuster des Doomism auf einen Text der Person passen, die nun gerade keine »Klimabremserin« ist und die Debatte in Deutschland in den letzten zwei Jahren wohl am weitesten vorangebracht hat: Luisa Neubauer, Sprecherin der Klimapolitikbewegung Fridays for Future.

In dem brillant geschriebenen und rasant argumentierenden Text The Long Goodbye in der letzten Ausgabe von taz FUTURZWEI stellt Neubauer die Frage, ob sich mit der Corona-Pandemie auch der Klima- und Gerechtigkeitsdiskurs verändert. Ihre Antwort: Wer etwas Neues will, muss mit dem Alten aufhören – aber das können wir nicht. Uns von alten Ideen zu lösen, das hieße »Exnovation, es ist das Gegenteil von Innovation. Man kennt es nicht, denn wir machen es nicht«. Ihre These: »Man begrüßt Neues, ohne Altes konsequent zu verabschieden«: Erneuerbare ja, aber die Kohle bleibt noch lange am Leben, Subventionen für E-Autos, aber die Verbrenner dieseln weiter. »Weil sich niemand traut, irgendwo mal einen Schlussstrich zu ziehen, wird eine Energiewende zu einem großen Chaos.« Auch sonst: Vegetarische Angebote anstatt fleischfreie Tage in der Kantine, Friedensbemühungen und trotzdem Waffenexport. »Um nicht endgültig mit irgendwas aufzuhören, sind wir bereit, (fast) alles zu tun«, schreibt Luisa Neubauer.

Die deutsche Geschichte ist voll mit Aufhören

Daran ist vieles richtig, aber zu vieles unscharf. Die Geschichte gerade auch der Umweltpolitik und gerade auch in Deutschland ist voll mit Aufhören – wenn auch nicht sofort und komplett. Das Land beendet (viel zu spät) die Kohleverbrennung, so wie es den Steinkohlebergbau auf null gefahren hat. Wir sind mitten in einem Ausstieg aus der Atomkraft, bis Ende 2022 ist der letzte Meiler vom Netz. Deutschland hat seine Klimagase seit 1990 um fast 40 Prozent verringert, die EU bis 2016 um 23 Prozent, auch wenn ein Teil davon in Schwellenländer verlagert wurde. Der Hebel dafür ist in Europa der Emissionshandel: das organisierte und bürokratisierte Aufhören.

Es geht noch viel weiter, denn die »German Angst« vor Risikotechnologie ist sprichwörtlich: Mit dem Fracken von Erdgas haben wir in Deutschland gar nicht erst richtig begonnen. CCS, die ungeliebte, aber wahrscheinlich nötige unterirdische Speicherung von CO2, wurde flächendeckend verboten. Die grüne Gentechnik hat nach zarten Anfängen auf deutschen Äckern keine Chance. Auch bei Techniken, die schon erprobt und eingeführt waren, sagen wir ab und zu »Nein danke!«: beim Schwefeldioxid aus Kohlekraft (Waldsterben!), beim Blei im Benzin (Katalysator!), beim FCKW in der Spraydose (Ozonschicht!) oder bei der grausamen Jagd auf Wale. Und auch gesamtgesellschaftlich können wir durchaus verzichten: Auf das Rauchen, auf einen machohaften Familienbegriff bei immer mehr Männern, in manchen Milieus sogar auf Fleisch und Autofahren.

Es stimmt also nicht, dass uns eine quasi genetische Fixierung davon abhält, »aufzuhören«. Die Frage ist: Wann, wo und wie sind solche Kursänderungen möglich? Hier müsste eine genaue Analyse ansetzen, statt im »Wir packen es einfach nicht« zu verharren. Denn es stimmt ja: Trotz einer drohenden und inzwischen von allen relevanten Kräften anerkannten Katastrophe im Bereich Klima und Artenschutz ändert sich viel zu wenig und das viel zu langsam. Das Absurde ist: Wir haben das Wissen, wir haben die Technik, wir haben das Kapital, um eine saubere und gerechtere Welt zu schaffen – und trotzdem geht es so zäh voran. Denn die Kräfte der Beharrung von eingespielten Systemen sind unglaublich groß: Die Systeme der Energieerzeugung, der fossilen Mobilität oder der industriellen Landwirtschaft sind seit Jahrzehnten mit der Industrie, der Politik, den Gewerkschaften und der Wissenschaft verwoben. Da wird es harte Arbeit, wenn man damit Schluss macht.

In den Machtkämpfen rund um Klima und Gerechtigkeit gibt es kein »Wir«

Und das ist schon das nächste Problem: »man« und »wir«. Zwei Begriffe, die Luisa Neubauer in The Long Goodbye synonym verwendet. Aber es gibt in den Machtkämpfen rund um Klima und Gerechtigkeit kein »Wir«. Ein Blick von so hoch oben verwischt die realen Interessen und die Analyse eben dieser fest in fossilen Strukturen zementierten Entscheidungseliten, denen der kurzfristige Gewinn der Aktien- oder Jobinhaber wichtiger ist als alles Nachhaltigkeitsdenken, das zum Aufhören einlädt. »Um nicht mit etwas aufzuhören, sind wir bereit, (fast) alles zu tun«, ist ein Bonmot, aber gefährlich: Es suggeriert, der Vorstandvorsitzende von ExxonMobil habe den gleichen Spielraum fürs Umsteuern wie eine Krankenschwester, die zur Arbeit pendelt – vom Kleinbauern in Bangladesch ganz zu schweigen.

Wer so das »Wir« benutzt, fällt auf die Erzählung der Mächtigen herein: Dass die VolksvertreterInnen das Volk, also uns, vertreten, wenn sie denkfaul das »Immer-weiter-so« abnicken. Das ist das Denken von »Es gibt keine Alternative«, weil »wir« alle das Gleiche wollen. Dabei wird schnell versteckt, dass »wir« in vielen Fragen viel weiter sind als unsere VertreterInnen – wenn in Umfragen Klimaschutz als wichtigste Frage für die deutsche Ratspräsidentschaft zählt, das aber etwa bei der CDU/CSU-Fraktion nicht ankommt.

Statt »Wir« machen »alles falsch« zu sagen, braucht es einen genauen Blick auf das »Die« und das »Uns« jenseits von »Alt gegen Jung«. Und einen genauen Blick auf die möglichen Verbündeten in Unternehmen, Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen, mit denen das Aufhören anfangen kann.

Probleme müssen gelöst werden, um Veränderungen durchzusetzen

Die Fridays sind groß geworden, sie haben Wahlen beeinflusst, die Regierung bewegt, politische und mediale Diskurse verändert, die Stimmung gedreht und Millionen von Menschen zum Nachdenken und Handeln veranlasst. Das kann kaum eine andere politisch/gesellschaftliche Bewegung aus dem letzten Jahrzehnt von sich behaupten. Die Argumente waren und sind schlagkräftig und einleuchtend: »Ihr«, die ältere Generation, haltet euch nicht an eure eigenen Versprechen, »ihr« habt die Probleme geschaffen, jetzt löst sie!

Diese Haltung ist moralisch unangreifbar und einfach zu formulieren. Wer aber will, dass Probleme gelöst werden – und die Fridays wollen das schon aus eigenem Überlebensinteresse –, kann nicht im Sandkasten der moralischen Überlegenheit stehen bleiben. Die AktivistInnen wissen auch, dass es Schritte jenseits von Talkshows und Demos geben muss, um Veränderungen durchzusetzen. Welche das sind, werden sie selbst herausfinden.

Denn irgendwann, und im Zweifel ganz schnell, ist die jetzt junge Generation in der Verantwortung, zu gestalten – und nicht mehr nur anzuklagen. Dann ist es aus ihrem eigenen Interesse hilfreich, den »Doom-ism« hinter sich zu lassen und sich einen soliden »Do-ism« zuzulegen. So macht man sich vielleicht die Hände schmutzig. Aber so löst man auch Probleme.

BERNHARD PÖTTER ist taz-Redakteur, Klimapolitikexperte und Buchautor („Klimawandel: 33 Fragen – 33 Antworten“).

Dieser Beitrag ist in taz FUTURZWEI N°14 erschienen