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Und keiner merkt's Der Durchbruch der solaren Weltwirtschaft

Der Ausbau an Erneuerbaren Energien explodiert weltweit. Warum das ein Grund zum Feiern ist und vor allem in Deutschland unbedingt breit kommuniziert werden muss, erklärt unser Autor.

Die Ausbaurate der Erneuerbaren ging 2025 durch die Decke Foto: Foto: Manuel Kamuf/imageBROKER/imago

taz lab | Bei ihrem Amtsantritt verbreitete Wirtschaftsministerin Reiche die Ansicht, dass es die erneuerbaren Energien seien, die für den hohen Strompreis verantwortlich sind. Deshalb sollte ihr Ausbau auch etwas langsamer vorangetrieben werden, und mehr Gaskraftwerke wären die Lösung.

Umso erstaunlicher ist ihre Zwischenbilanz: Nach langen Verhandlungen mit der EU-Kommission hat sie vor Kurzem nun grünes Licht für jene viel bescheideneren Gaskraftwerkskapazitäten bekommen, die Robert Habeck bereits vor Jahren ausgehandelt hatte. Ergebnis: Wichtige Jahre wurden vergeudet, die Erneuerbarenbranche wurde verunsichert und ihre negative Sicht auf die Energiewende breit gestreut.

Durchbruch erneuerbarer Energien

Das ist deshalb so schräg, weil global etwas passiert, wovon viele Freunde der Energiewende jahrzehntelang geträumt haben. 2025 war nämlich weltweit der ultimative Durchbruch der Erneuerbaren. Die Ausbaurate geht durch die Decke. Energieexperten wie Tim Meyer sprechen von der vierten Energierevolution. Nach Kohle, Öl und Gas werden jetzt die Erneuerbaren den Laden aufmischen.

Wer sich die jüngsten Zahlen anschaut, wird staunen. Rekordinvestitionen: Weltweit haben sich die Investitionen in Erneuerbare Energien laut den Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) in den letzten fünf Jahren fast verdoppelt, angeführt von der Solarenergie. Auch die Investitionen in den ganz neuen Bereich der Batteriespeicher steigen rapide an und erreichten 2025 schon mehr als 65 Milliarden Dollar.

Strompreise als Gegenargument

Noch aber dominiert in Deutschland die negative Erzählung. Die Energiewende sei so unglaublich teuer wegen den Erneuerbaren. Tatsächlich übertrifft heute im Stromsektor bei viel Sonnenschein oder Starkwind das Angebot der erneuerbaren Energien bereits deutlich die Nachfrage. In solchen Phasen wird Strom zu niedrigen Preisen ins Ausland verkauft oder Wind- und Solarparks werden einfach abgestellt, wenn die Netzkapazität für den Transport nicht mehr ausreicht. Das führt an der Strombörse sogar zu negativen Strompreisen.

Die Gegner der Energiewende haben deshalb ihre Erzählung geändert: Wurden die erneuerbaren Energien erst als Spielzeug und viel zu teuer diffamiert, produzieren sie heute zu viel und ruinieren die Strompreise. Noch infamer: Nur die Erneuerbaren sind in dieser Erzählung für gestiegene Strom- und Netzkosten verantwortlich. Gerade so, als ob uns nicht die Abhängigkeit vom teuren Erdgas die hohen Preise beschert habe und als ob die Elektrifizierung im Bereich Verkehr und Gebäude nicht auch ohne Erneuerbare zum Ausbau der Netze führen müsse.

Weiterdenken durch Umdenken

Deshalb braucht es auch die kräftige Gegenerzählung vom erneuerbaren Durchbruch. Und da liegt das Problem in Deutschland. Exponentielle Wachstumsdynamiken oder industrielle Revolutionen kommen im Mainstreamdenken in der deutschen Politik nicht vor.

Die Windenergie sei eine Übergangstechnologie, meint Friedrich Merz. Im Ernst? Vordenker wie der Sozialdemokrat Hermann Scheer und der Grüne Hans-Josef Fell, die früh die 100 Prozent Erneuerbare vorhergesagt hatten, waren damals in ihren Parteien Außenseiter. „Solare Weltwirtschaft“ hieß Scheers Buch aus dem Jahre 1999 und war sozusagen der Blaudruck der heutigen Entwicklung. 26 Jahre später setzt sich diese „solare Weltwirtschaft“ tatsächlich global durch.

Das bedeutet vor allem, dass die Stromwirtschaft und ihre Geschäftsmodelle neu gedacht werden müssen. Ein Stromnetz mit überwiegend erneuerbaren Energien muss eben anders aussehen als eines mit zentralen Kraftwerken. Flexibilität ist in diesem System „Gold“. Und das erfordert neues Denken. Welche Rolle künftig Batteriespeicher oder Back-up-Kraftwerke spielen werden, ist dabei eine entscheidende Frage.