Umwelt: Klimakampf am Alexanderplatz

Wer ist der Grünste im ganzen Land? Der Stromkonzern Vattenfall sammelt am Alex Unterschriften und wirbt für den Klimaschutz. Ökoaktivisten halten dagegen und werfen dem Konzern eine unehrliche Kampagne vor.

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde: Vattenfall sieht darin eines der effizientesten Kraftwerke, andere eine der größten CO2-Schleudern der Republik. Bild: Vattenfall

Die Passanten auf dem Alexanderplatz bleiben verwundert stehen: Was ist das? Auf den ersten Blick sehen sie lauter kleine orangefarbene Stehaufmännchen aus Plastik. Sie sehen das große Zelt, das Vattenfall, fünftgrößter Stromkonzern Europas, daneben aufgebaut hat. Sie sehen Mitarbeiter mit Vattenfall-Jacken, die Unterschriften sammeln - nicht für einen besonders günstigen Stromtarif, sondern für den Klimaschutz.

Die vielen Stehaufmännchen stehen dabei für die Personen, die schon unterschrieben haben. Vattenfall will mehr staatliche Förderung für klimafreundliche Technologien sowie eine Ausweitung von Klimaschutzstandards.

Doch der Stromversorger ist nicht allein am Alex. Rund um das Zelt stehen 20 Aktivisten von Greenpeace, dem BUND und der Grünen Jugend. Sie rufen: "Lasst euch nicht verkohlen. Vattenfall ist Klimakiller."

Was hier gerade passiert, ist also mehr als das, was man auf den ersten Blick sieht. Mitten auf dem Alexanderplatz findet gerade ein kleines Gefecht im großen Kampf um die Deutungshoheit in der Klimadebatte statt.

Unternehmen wie Vattenfall haben verstanden, dass ein schlechtes Image schlecht fürs Geschäft ist. Vattenfall investiert daher einen Teil seiner Gewinne auch in erneuerbare Energien. Und unternimmt eine Menge, um sich als Klimaschützer darzustellen. Etwa in den großen Anzeigen, die der Konzern in vielen Zeitungen schaltet. Auch in 100 Schulen findet bald wieder die "Klimaakademie" statt, in der Vattenfall Schülern erklärt, wie man Energie spart.

Doch obwohl Vattenfall in Berlin, Hamburg und weiten Teilen Ostdeutschlands Netzversorger ist, gibt es die Klimaaktionstage nur an drei Orten: Hamburg, Berlin und der Lausitz, wo der Konzern Braunkohle verstromt. In Hamburg und Berlin steht Vattenfall wegen seiner Pläne zum Bau von Kohlekraftwerken in der Kritik. In der Lausitz wehren sich die Anwohner des Braunkohletagebaus Jänschwalde dagegen, dass ihre Dörfer von Vattenfall weggebaggert werden.

Wenn es Vattenfall wirklich um den Klimaschutz geht - warum gibt es die Aktionen nur an den Orten, wo das Unternehmen besonders in der Kritik steht? Warum informiert Vattenfall nicht auch die Schulkinder in anderen Städten über den Klimaschutz? "Wir können das nicht flächendeckend machen", sagt Reinhold Buttgereit, Leiter der Berlin-Repräsentanz von Vattenfall. Man beschränke sich also auf die Orte, wo Vattenfall seine Unternehmensstandorte habe.

"Das ist eine reine PR-Aktion", ruft dagegen Michael Schäfer, Klimaschutzpolitiker der Grünen, durch das Megafon. Mit seinen Mitstreitern verteilt er Flugblätter mit der Adresse von Stromanbietern, die auf Atomkraft und Kohlekraft verzichten. Schäfer: "Wenn Sie etwas fürs Klima machen wollen, gibt es nur eine Unterschrift: Kündigen Sie Ihren Stromvertrag bei Vattenfall!"

Klimawandel schafft zusätzlichen Arbeitsplatz

An der TU Berlin hielt Ottmar Edenhofer seine Antrittsvorlesung als Professor für die Ökonomie des Klimawandels. Die Professur ist nach Meinung von Grünen-Politiker Michael Schäfer eine "Riesenchance" für die gesamte Region.

Wenn ein Minister an einer Universität vorbeischaut, darf das Anliegen kein geringes sein. Es muss mindestens um die Zukunft des Landes gehen, besser noch um die Zukunft der ganzen Menschheit - wie im Falle der Vorlesungsreihe zur "Ökonomie des Klimawandels", die am Mittwoch an der Technischen Universität (TU) eröffnet wurde - in Anwesenheit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD).

Auf dem weltweit ersten Lehrstuhl zum Thema Kosten des Klimawandels forscht Ottmar Edenhofer seit Juli an der TU. Der Ökonom ist gleichzeitig stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Der 47-Jährige ist außerdem Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Vermeidung des Klimawandels" beim Weltklimarat. So wird mit seiner Person von Berlin aus auch der nächste Bericht des Weltklimarats und damit der kommende Weltklimagipfel vorbereitet.

Edenhofer gilt als Verfechter eines transatlantischen und weltweiten Emissionshandels, den er unter dem Begriff des "New Deal" propagiert. Wie der internationale Handel mit den Emissionsrechten in der Zukunft geregelt werden kann, soll ein Schwerpunkt der Forschung werden. Außerdem geht es darum, Lösungswege zu finden, um Emissionen in Ländern wie China, Indien, Europa und den USA zu mindern, also energieeffizienter einzusetzen. Gefördert wird die Professur vom PIK und der Michael Otto-Stiftung, die sich mit einer halben Million Euro beteiligt.

"Die TU ist für die anstehenden Aufgaben das geeignete Labor", sagt Edenhofer. Denn um globale Strategien sowohl für Energieversorgung als auch Klimaschutz und Wirtschaftswachstum zu entwickeln, müssten die verschiedensten Forschungsfelder zusammengeführt werden: Ökonomie, Mathematik, Umweltwissenschaften, Verkehrs- und Energietechnik, wie sie an der TU vertreten sind.

Doch nicht nur für die Berliner Universität kann die "Ökonomie des Klimawandels" einen Gewinn bedeuten, auch die Stadt und die gesamte Region könnten davon profitieren, meint Michael Schäfer, Sprecher für Verbraucherschutz und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen. Er sieht in der Professur einen "guten Anfang für Berlin, um noch mehr Unternehmen anzulocken, die sich erneuerbaren Energien widmen". Bereits jetzt sei Berlin-Brandenburg nach Freiburg die Region mit den meisten Unternehmen in diesem Bereich. "Das weiter zu stärken ist eine Riesenchance", sagt Schäfer.

In der Region arbeiten inzwischen laut Zukunftsagentur Brandenburg rund 15.000 Menschen in der Energietechnologie. In Brandenburg sind inzwischen 1.600 Arbeitsplätze in der Branche erneuerbare Energien entstanden. Alleine in der Solarenergietechnik hat die Hauptstadtregion 5.000 neue Jobs geschaffen. 40 Prozent aller Photovoltaikmodule werden inzwischen hier hergestellt.

Praxisbeispiele, dass Klimaschutz nicht nur ein Umwelt-, sondern auch ein Wirtschaftsthema ist, gibt es für die Studenten von Edenhofer damit zuhauf - und direkt vor der eigenen Haustür. GRIT WEIHRAUCH

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