Überfall auf Rundreise: Touristen in der Sahara entführt

Im Grenzgebiet zwischen Mali und Niger wurden vier Europäer gekidnappt. Der Vorfall verdeutlicht die Gewalt, die seit Jahren in der abgelegenen Wüstenregion herrscht.

Idyllisch? Gefährlich! Reisebus auf dem Weg durch das Dogon-Gebiet. Bild: dpa

NAIROBI taz Es ist ein Anblick, den man nie vergisst: Dutzende festlich dekorierte Zelte inmitten eines Meers aus Sand, dazwischen eine Bühne und ein Versammlungszelt, wo bis in die Nacht hinein gelesen, gesungen und diskutiert wird. Das takoubelt (= Treffen in Tamaschek, der Sprache der Tuareg) findet seit 1997 in einer der entlegensten Sahararegionen Malis im Grenzgebiet zum Niger statt und ist eines der bedeutendsten Festivals der Tuaregkultur. Von hier kamen die vier Touristen, die am Donnerstag nahe der Grenzstadt Ménaka entführt wurden. Von wem sie gekidnappt wurden, war am Freitag noch unklar.

Bei den Entführten handelt es sich offenbar um ein Schweizer Ehepaar, eine Deutsche und einen Briten, die sich auf einer organisierten Rundreise befanden. Spiegel Online zufolge handelt es sich bei der deutschen Urlauberin um eine 75-jährige Hessin, die gemeinsam mit den drei anderen Reisenden in ihrem Auto überfallen worden ist. Ein weiteres Fahrzeug mit europäischen Urlaubern wurde von den Entführern beschossen, die Gruppe konnte aber entkommen. Die Bundesregierung bildete am Freitag einen Krisenstab unter Leitung des Staatssekretärs Reinhard Silberberg, der Kontakt zu Behörden in der Schweiz, in Großbritannien und Mali hält und sich um die Freilassung bemüht.

Seit Jahren schon wird vor Reisen in die Sahararegionen Malis, Nigers und Algeriens gewarnt. Immer wieder gibt es Überfälle auf Touristen. Erst im vergangenen Jahr wurden zwei Österreicher monatelang in der Wüste festgehalten. Im Wüstendreieck zwischen Algerien, Mali und Niger herrscht ein von der Weltöffentlichkeit kaum beachteter Krieg, in dem militante Tuaregrebellen nach eigenem Bekunden für mehr Autonomie und ein Ende ihrer Benachteiligung kämpfen. Die Bewegungen begründen ihre Rebellion zudem damit, dass sie von den in der Sahara ausgebeuteten Rohstoffen - vor allem Uran - nicht profitieren. In den vergangenen Jahren hat sich der Konflikt zugespitzt. Aufseiten der Armeen und der Tuareg gab es zahlreiche Tote. Erst am Donnerstag brüstete sich Malis Armee damit, einen der Hauptstützpunkte der Rebellen in der Nähe von Kidal angegriffen und 31 Tuareg getötet zu haben. Für die Rebellen, die auf einige hundert geschätzt werden, ist das ein herber Schlag.

An der Benachteiligung der Tuareg in allen drei von der Rebellion betroffenen Ländern besteht kein Zweifel. Die Nomaden gehören zu den ärmsten und benachteiligtsten Bevölkerungsgruppen. In ihrem Siedlungsgebiet gibt es praktisch keine Infrastruktur, keine Schulen, keine Krankenhäuser. Dazu kommt, dass viele der Rebellen etwa in Mali während Dürrezeiten Anfang der 70er-Jahre nach Libyen und Algerien geflohen waren, von wo sie knapp fünfzehn Jahre später als Wirtschaftsflüchtlinge abgeschoben wurden. Viele von ihnen kamen mit wenig mehr zurück als einer militärischen Ausbildung und einem Gewehr. Kriegsherren wie Ibrahim Bahanga, der die Nigerische Gerechtigkeitsbewegung (MNJ) führt, nutzten diese Situation aus. Während Bahanga vor zwei Jahren einen Waffenstillstand aufkündigte, schlossen die meisten bewaffneten Gruppen Malis vor einem Jahr ein Friedensabkommen mit der Regierung in Bamako. Doch im Dezember überfiel die Nordmalische Allianz für den Wandel (ATNMC), die einzige Gruppe, die das Abkommen nicht unterzeichnete, einen Militärposten im Nordosten Malis. Augenzeugen sprachen von einem Blutbad, mehr als 20 Soldaten wurden getötet. Seitdem ist auch der kurze Frieden in Malis Teil der Sahara wieder vorbei.

Doch ob überhaupt Tuaregrebellen die Urlauber entführt haben, ist derzeit noch ungewiss. In dem weitgehend unkontrollierten Wüstengebiet operieren auch Drogenschmuggler, Menschenschleuser und andere Banditen, die mit Kidnappings einfach nur Geld machen wollen. Fraglich ist auch, wie schnell die Entführer sich melden werden. Vom kanadischen UN-Sonderbeauftragten Robert Fowler, der Mitte Dezember zu Verhandlungen mit Tuareggruppen in Niger aufbrach, gibt es bis heute kein Lebenszeichen.

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