US-Schwimmerin bei den Paralympics: Das Wasser des Lebens

Jessica Long ist die erste paralympische Schwimmerin mit Starpotenzial in den USA. Vor den Spielen in Tokio dreht sich alles um sie.

Jessica Long im Wasser beim 200 Meter Lagen-Wettbewerb

Beste paralympische Schwimmerin: Jessica Long bei einem Wettbewerb 2018 Foto: Camera4/imago

Viele großartige Schwimmer haben eine Michael-Phelps-Geschichte zu erzählen, oft von einer Begegnung mit dem GOAT, dem Größten aller Zeiten, bei der etwas von seiner schier übermenschlichen Größe auf sie übergesprungen ist. Katie Ledecky etwa hat ein Foto, auf dem sie sich als pubertierende 12-Jährige ein Autogramm von Phelps geben lässt.

Jessica Long hat auch eine solche Geschichte, aber ihre ist um vieles bewegender. Long erinnert sich an eine besonders harte Trainingseinheit im olympischen Trainingszentrum von Colorado Springs, wo sich die olympischen und paralympischen Athleten 2016 gemeinsam auf Rio vorbereiteten. Long kam als Letzte aus dem Wasser und schaffte es vor Erschöpfung kaum mehr zu ihrer Tasche auf der Tribüne. Dort wartete Phelps auf sie, umarmte sie und flüsterte ihr „Gut gemacht“ ins Ohr.

Die Geschichte war ein Ausdruck der Anerkennung und der Gemeinsamkeit. Hier waren zwei Weltklasse-Sportler, die gerade einen harten Arbeitstag hinter sich gebracht hatten. Für paralympische Sportler wie Jessica Long gibt es solche Augenblicke nicht oft. Aller Lippenbekenntnisse zum Trotz werden sie nur selten als vollwertige Athleten anerkannt. Und so war die Würdigung durch den GOAT für Long mehr wert als alle ihre 23 paralympischen Medaillen.

Wenn Jessica Long ab Samstag in Tokio ins Becken springt, sind das ihre fünften Spiele. Ihre Medaillenausbeute übersteigt schon jetzt die von Phelps. So wie er einer der seltenen Schwimmer ist, der weit über ein Fachpublikum hinaus dauerhafte Berühmtheit erlangte, ist Jessica Long die wohl erste paralympische Schwimmerin, die das Zeug zu einem echten Star hat. In den USA ist Long schon jetzt das Gesicht der paralympischen Spiele. Die Sportmedien sind voller Features über sie, das TV-Netzwerk NBC drehte einen Dokumentarfilm. Firmen wie Google laden sie seit Monaten ein, um für die Angestellten Motivationsreden zu halten.

Verdichtete Verkitschung

Das ganz große Publikum lernte sie bereits im Januar kennen, als Toyota beschloss, sie zum Gesicht ihrer 10 Millionen Dollar teuren Superbowl-Werbung zu machen. 100 Millionen Menschen bekamen live im Fernsehen in etwas mehr als einer Minute Jessica Longs Lebensgeschichte erzählt. Es ist eine Geschichte, die sich formidabel zu einer solch verdichteten Verkitschung eignet.

Long wurde im Jahr 1992 als Tatiana Olegovna Kirillova in Bratsk, gut 600 Kilometer nördlich von Irkutsk, geboren. Ihre Mutter war damals 16 und sah sich nicht in der Lage, ein behindertes Kind aufzuziehen. Also gab sie Ta­tia­na zur Adoption frei. Im Waisenhaus von Bratsk fanden sie die Longs, eine tief christliche Familie aus Baltimore, die sie mit in die USA nahmen und ihr die beste Versorgung zukommen ließen, die man sich nur vorstellen kann.

Trotzdem war Jessicas Kindheit hart. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr war sie mehr im Krankenhaus als zu Hause. Eine Operation folgte auf die andere. „Ich glaube, es war in dieser Zeit, dass ich gelernt habe zu kämpfen und niemals aufzugeben.“ Die Jugend war schwer für Jessica. „Ich habe mich immer gefragt: Warum ich? Warum wollten mich meine Eltern nicht haben? Warum bin ich mit dieser Behinderung auf die Welt gekommen.“

Eine Antwort fand sie nicht, aber sie fand das Wasser. Dort fühlte sie sich stark und von allen respektiert. Und sie konnte ihren tief sitzenden Zorn auf die Welt und auf ihre Eltern kanalisieren. So schaffte sie es, nachdem sie bei ihren zweiten Spielen 2008 internationalen Ruhm erlangt hatte, die schwere Reise nach Sibirien anzutreten und dort ihre biologischen Eltern kennenzulernen. Man konnte zusammen weinen, die Eltern zeigten, wie sehr ihnen alles leid tat, und Jessica konnte vergeben.

Im vergangenen Jahr hat Long geheiratet und nach Tokio, ihren wohl letzten Spielen, wartet ein Leben als Trainerin und Rednerin auf sie. Es ist ein Märchen mit Happy End, mit einer russischen Prinzessin, die sich weigerte, sich von ihrem Schicksal besiegen zu ­lassen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de