Turner-Preis 2007: Ein Bär macht das Rennen

Der Brite Mark Wallinger erhält den diesjährigen Turner-Preis - berühmt wurde der Künstler als verkleideter Bär, der durch die Berliner Nationalgalerie irrt.

Mark Wallinger als Bär in "Sleeper" Bild: ap

Der Brite Mark Wallinger ist Gewinner des diesjährigen Turner-Preises. Zwölf Jahre ist es her, seit er das erste Mal für die renommierte britische Kunstauszeichnung nominiert wurde. Damals ging der Preis an Damien Hirst, und inzwischen gehören beide Künstler längst zu den großen Namen der gar nicht mehr so jungen Young British Artists. Doch während Hirst zum schwerreichen Kunstmogul mutiert ist, beließ der 1959 geborene Wallinger seine Systemkritik in einem etwas überschaubareren Rahmen. Und bis heute gelingt es dem Absolventen des Londoner Goldsmith College von allen Young British Artists am besten, amerikanischen Pop und europäische Konzeptkunst in mehr oder weniger verdaubare britische Häppchen zu überführen.

Wie Hirst geriet Wallinger in den 90er-Jahren kurzzeitig in die Fänge des Sammlers Charles Saatchi. 1997 waren seine Arbeiten Teil der legendären "Sensation"-Schau in der Royal Academy. Größeres Aufsehen erregte Wallinger aber erst mit "Ecce Homo" von 1999, eine lebensgroße Christus-Skulptur, die er auf der leeren "vierten Säule" am Trafalgar Square installierte, dort, wo zurzeit Thomas Schüttes transparentes "Modell für ein Hotel" steht.

Wallinger war von der britischen Öffentlichkeit für seine diesjährige Einzelausstellung in der Tate Britain bereits als Favorit gehandelt worden. Unter dem Titel "State Britain" rekonstruierte er die bekannte "Anti-War"-Installation, die der Friedensaktivist Brian Haw vor dem House of Parliament errichtet hatte, die aber in ihrem ursprünglichen Umfang verboten wurde und heute nur noch in Teilen existiert. Mit seinem Nachbau rettete Wallinger ein Stück aktuellen, politischen Protests, indem er es in den toleranten Museumsraum übersiedelte. Die Jury lobte "State Britain" für die Verbindung eines "politischen Statements mit der Fähigkeit von Kunst, fundamentale, menschliche Wahrheiten zu artikulieren".

Dabei hagelte es kurz nach der Eröffnung der Turner-Preis-Schau, erstmals außerhalb Londons, in der Tate Liverpool, noch leidenschaftliche Kritik. Denn was Wallinger neben seinen Mitkandidaten Zarina Bhimji, Nathan Coley und Mike Nelson zeigte, grenzte für die Briten fast schon an konzeptuelle Zumutung. In seinem 154-minütigen Video "Sleeper", das 2005 bei der Biennale in Venedig erstmals zu sehen war, irrt der Künstler als Bär verkleidet durch die leere Berliner Nationalgalerie, seine Isolation wirkt eher bedrückend als komisch. In England verselbstständigte sich der "Bär als Künstler" dagegen zum regelrechten Running Gag, der den Turner-Preisträger von 2007 wahrscheinlich bis an sein Lebensende verfolgen wird.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de