Sudha Reddy über den Klimawandel: "Kioto-Protokoll radikal ändern"
Die indische Aktivistin Sudha Reddy sieht eine große Kluft zwischen denen, die über Klimawandel reden, und denen, die gegen ihn kämpfen.
taz: Frau Reddy, wie sind die Auswirkungen des Klimawandels in Indien zu spüren?
Sudha Reddy: Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren und Zyklone haben zugenommen. Am stärksten betroffen sind die ärmsten Bevölkerungsgruppen: Sie wohnen häufig in den tiefliegenden Gebieten. Hilfsmaßnahmen für die Betroffenen gibt es kaum. Die Menschen, die durch die katastrophalen Überschwemmungen im Bundesstaat Bihar vor sechs Monaten ihr Zuhause verloren haben, wohnen bis heute in Zelten.
Gibt es in Indien eine aktive Umweltbewegung?
Es gibt in Indien eine Vielzahl von lokalen Protestbewegungen, die sich gegen die Ansiedlung von Industrien richten, gegen Abholzung von Wäldern oder den Bergbau in ökologisch sensiblen Gebieten. Sie sind durch starke Netzwerke verbunden. In Bangalore etwa kämpfen verschiedene Bevölkerungsgruppen - StudentInnen, Frauen und Alte - gemeinsam gegen die Abholzung von Bäumen für den Bau einer Bahntrasse. Im Bundesstaat Jharkhand protestiert die indigene Bevölkerung erfolgreich gegen den Abbau von Kohle in ihren Wäldern. Mehrere solcher Projekte mussten für Monate gestoppt werden.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei diesen Gruppen?
Es gibt in Indien eine Kluft zwischen denen, die über Klimawandel reden, und denen, die gegen ihn kämpfen. Klimawandel ist in Indien ein Thema der urbanen Mittelschicht, die Diskussion führen Akademiker und einige wenige Aktivisten. Zugleich kämpfen die Menschen, die durch Großprojekte von Vertreibung bedroht sind, aktiv gegen ihn. Selbst wenn sie das nicht im Namen des Klimawandels tun, stoppen sie durch ihren Widerstand den Ausstoß von Treibhausgasen.
Die indische Regierung hat das Kioto-Protokoll unterzeichnet, wehrt sich aber dagegen, selbst Reduktionsziele zu akzeptieren. Unterstützen Sie die Regierungspolitik in Bezug auf den Klimawandel?
Ich unterstütze alle Maßnahmen der Regierung, die darauf zielen, erneuerbare Energien zu fördern: Solar- und Windkraftanlagen, kleine Wasserkraftwerke. Was ich entschieden ablehne, ist die Argumentation der Regierung, dass zur wirtschaftlichen Entwicklung Indiens weitere Großstaudämme, Kohle- und Atomkraftwerke nötig seien.
Indien ist das Land mit den meisten Ausgleichsprojekten: Firmen aus den Industriestaaten investieren in Indien in den Klimaschutz und erhalten dafür Emissionzertifikate.
Ein Großteil der Gelder für die Ausgleichsprojekte geht direkt an die Industrie. Das ist ein Fehler. Das Kioto-Protokoll muss radikal verändert werden, sodass das Geld aus dem Handel mit Klimazertifikaten den Menschen zugutekommt, die die Wälder und Ozeane tatsächlich beschützen. Die Anpassung an den Klimawandel und die Beseitigung von Armut müssen dabei Hand in Hand gehen.
Wie kann das aussehen?
Ein wichtiger Schritt wäre, die Landreform in Indien endlich umzusetzen. 15 Millionen Hektar fruchtbares Ackerland, die derzeit von der Regierung verwaltet werden, müssen an landlose Familien übergeben werden. Zugleich muss die Regierung sie mit Kleinkrediten unterstützen, um die Bewirtschaftung zu ermöglichen und die Versorgung der Gemeinden mit Nahrungsmitteln, Tierfutter und Brennholz zu sichern. Wir fordern auch, Fahrräder statt Autos zu fördern und den CO2-Ausstoß zu besteuern. All das sind wichtige Maßnahme, um die Folgen des Klimawandels abzumildern.
INTERVIEW: JULIANE SCHUMACHER UND JÜRGEN WEBER
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