Siena Jazz Festival in Italien: Mut, Intuition und Wirken im Kollektiv

Italien hat eine Jazzakademie: Jeden Sommer lädt das norditalienische Siena zu Workshops und einem Festival

Jazz in Italien. Bild: dpa

Franco Caroni liebt Siena. In der kleinen toskanischen Stadt mit ihren 17 Gassenbezirken hat er seinen Traum verwirklicht. Mehr als das sogar, denn als vor 30 Jahren die erste Jazzklasse in der Garage seines Freundes stattfand, hätte er nicht gedacht, dass er einmal die schönste Meisterschule für Jazz in Italien leiten würde. Heute ist Franco Caroni der informelle Bürgermeister der unabhängigen Jazzausbildung, die von ihm geleitete Stiftung heißt "Siena Jazz - Accademia Nazionale del Jazz". Bei dem von ihr organisierten Siena Jazz Festival haben im Laufe der Jahre die wichtigsten Jazzmusiker seines Landes gespielt, gelernt und gelehrt. Denn das Kernstück von Caronis Accademia sind die Workshops und Meisterklassen, die jeden Sommer zwei Wochen lang in Siena stattfinden.

Anfangs hatte Caroni die Idee, dass man sich im abgelegenen Siena zu Konzerten trifft. Da es damals noch keine Jazzausbildung gab, kam der Vorschlag auf, so etwas einmal anzubieten. Im August 1978 luden Caroni und seine Mitmusiker per Mundpropaganda nach Siena ein, und statt der erwarteten 10 Schüler kamen gleich 36. Der Saxofonist Claudio Fasoli erinnert sich, dass die Schüler damals noch keine Ahnung von Jazz und Improvisation hatten. Heute ist Fasoli einer der 60 Lehrer, die auf Freelance-Basis in Siena unterrichten. Immer noch gibt es mehr Anmeldungen als Unterrichtsplätze: 200 Studenten kommen jeden Sommer nach Siena, weitere 300 nehmen an den Winterkursen teil. Das Niveau der Teilnehmenden hat sich entscheidend verbessert, für viele ist Siena heute die letzte Kür vor dem Sprung ins professionelle Jazzleben.

Von Anfang an bestand Caroni darauf, dass die Lehrer selbst vor allem als Musiker tätig sind. Und dass die öffentlichen Institutionen der Stadt und Region in die Aktivitäten von Siena Jazz mit einbezogen werden. Beides ist dem heute 59-jährigen Festivalchef gelungen. 1,7 Millionen Euro stehen Caroni jährlich zur Verfügung, der größte Anteil kommt von der Siena-eigenen Bank und aus der Provinz. Neun festangestellte Mitarbeiter und insgesamt 20 bestens ausgestattete Unterrichtsräume in einem kernsanierten Festungsgemäuer hat die Siena Jazz Stiftung derzeit, an die 6.000 Musiker und Hunderte von Bands sollen bereits von den Sommerkursen profitiert haben. Zu den bekanntesten zählen die Musiker des Paolo Fresu Quintetts, die sich Anfang der Achtziger Jahre als Ensemble in der Meisterklasse von Enrico Rava kennen lernten und seitdem zusammen spielen. Seit 1985 unterrichtet Fresu auch selbst in Siena, der Trompeter zählt heute neben Enrico Rava zu den international bekanntesten italienischen Jazzmusikern.

Bei den Jazzkursen unterrichten nicht nur junge Jazzstars wie der Pianist Stefano Battaglia, hier treffen sich mit Rava, dem Bassklarinettisten Gianluigi Trovesi und dem Posaunisten Giancarlo Schiaffini auch die Erfinder des einst politisch sehr inspirierten italienischen Free Jazz wieder. Besonders Rava nutzt Siena, um junge Musiker für seine eigenen Bandprojekte zu trainieren. Was man von Autodidakten wie Rava lernen kann, lässt sich am besten als Haltung beschreiben. In seiner Klasse nörgelt er nicht an Akkorden oder Noten herum, da geht es vor allem um Mut, Intuition und das Wirken im Kollektiv.

Wenn man die älteren Herren jedoch nach der in Italien einst sehr populären Verbindung von Jazz und Politik fragt, stellt sich Ruhe ein. Auf den Massenveranstaltungen der kommunistischen Partei konnten selbst Free Jazz Musiker in den Siebzigerjahren Popstar-Status erlangen. Mit der Zerschlagung der politischen Bewegung folgte in den Achtzigerjahren auch für den Jazz eine Phase radikaler Ernüchterung - viele Musiker zogen sich mangels Auftrittsmöglichkeiten aus dem Geschäft zurück, andere richteten sich neu aus.

Der 69-jährige Rava ist heute entschieden gegen die politische Funktionalisierung des Jazz, er traut nicht mal mehr den früheren amerikanischen Weggefährten, die heute noch ihre Kritik an den Verhältnissen in die Titel ihrer Kompositionen schreiben. Der 1971 geborene Bassklarinettist Achille Succi erhielt in Siena einst seinen ersten Jazzunterricht, heute ist auch er dort als Dozent tätig. Er berichtet von Kollektiven frei improvisierender Musiker, ihn interessiert die Wirkung seiner Musik auf seine unmittelbare Umgebung, von weiter gesteckten Zielen hält auch er nichts.

Zu "Siena Jazz - Accademia Nazionale del Jazz" gehört auch das "Centro Studi sul Jazz Arrigo Polillo", die 1989 gegründete Forschungs- und Archivabteilung der Stiftung. Unter Leitung des Jazzhistorikers Francesco Martinelli gilt sie mittlerweile als die wichtigste italienische Jazzforschungseinrichtung für Studierende, Musiker und Wissenschaftler. Im Museum für Moderne Kunst läuft gerade Martinellis Ausstellung "Siena Jazz Eye", in der mehrere Hundert seltene Plattencover aus seinem Archiv zu sehen sind; auch in der begleitenden Konzertreihe treten viele Dozenten von Siena Jazz auf.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de