Selbstversuch Sicherheitstraining: "Hast du Scheißjob"

Krieg spielen macht keinen Spaß. Doch wer in ein Kriegsgebiet muss, kann für seine Sicherheit trainieren – eine gute Idee?

Krieg in Unterfranken: "Absolut realistische Szenarien". Bild: susanne wahler-göbel

Manche sind der Ansicht, das Leben sei nicht viel mehr als ein Spiel. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Manch einer verliert sein Leben. Oder ein Bein. Einen Arm. Oder gar den Verstand. Zum Beispiel im Krieg. Soldaten, Zivilisten, Reporter, humanitäre Helfer. Männer, Frauen, Kinder.

Verdammt hoch hier. Ich steh im zweiten Stock eines Betonhauses, in dem die Soldaten Häuserkampf üben. Aus dem Fenster des Dachgeschosses sollen wir uns abseilen. Normalerweise gehen auch noch Rauchbomben hoch, um einen Brand zu simulieren. Ich soll jetzt da runter. Ich hatte in die Anmeldung zum Safety-and-Security-Training in die Rubrik Höhenangst ein dickes Ja geschrieben. Mir schlottern die Beine. "Du kannst das", sagt ein Rafael, der Spezialist fürs Abseilen, während er mir einen Gurt anlegt. Aufgeben kommt überhaupt nicht in Frage, befehle ich mir selbst. Der schlimmste Moment ist, sich rückwärts fallen zu lassen. Aus dem Fenster. Das Seil muss mit der richtigen Technik durch die Hand laufen. "Du kannst das", sagt Rafael.

Ebern, ein kleiner Ort in der nördlichsten Ecke von Unterfranken. Früher übten dort Soldaten auf dem Truppengelände nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Nun treffen wir uns dort, um ein Wochenende lang Krieg zu spielen. Unterwegs im fiktiven Krisengebiet: eine Reporterin und vier humanitäre Helfer. Im echten Krisengebiet waren wir alle noch nicht. Franz ist Notfallsanitäter und hat internationales Krisenmanagement studiert. Stephan ist Werkfeuerwehrmann. Matthias und Kai sind Ausrüster für Spezialfahrzeuge. Wir wollen wissen, ob wir auslandstauglich sind. "Was wir üben, sind absolut realistische Szenarien", sagt Joachim von Hippel. Der Ex-Stabsunteroffizier aus Bad Kissingen war im Kosovo, in Bosnien, in Afghanistan und sonst wo. Der 43-Jährige ist unser General.

Mit der allernötigsten Ausrüstung auf dem Rücken werden wir mitten im Wald ausgesetzt. Unser Ziel, das XFOR-Camp, liegt rund acht Kilometer von uns entfernt. Die Marschkompasszahl kann ich gerade noch bestimmen. Aber erst nach einigen Diskussionen sind wir uns einig, in welche Richtung wir laufen müssen. Langsam wird es dunkel. Und kalt. Das ist ein blödes Spiel, denke ich schon jetzt. Wir stapfen schweigend bergauf. Wir dürfen die befestigten Wege nie verlassen, hat von Hippel uns befohlen. Das gesamte Gebiet ist vermint. Der Mond steht hell am Himmel.

Der Teamchef hat uns anfangs Fotos von schwer verstümmelten Menschen gezeigt. Oder von dem, was von ihnen übrig geblieben ist. Gemacht hat er die Fotos selbst. Da, wo Krieg kein Spiel ist. "Minen sollen verletzen, nicht töten", erklärt uns das schnauzbärtige Mannsbild. Er führt Anschauungsmaterial vor, das täuschend echt aussieht. Anti-Panzer-Minen zum Beispiel. Oder Anti-Personen-Minen. Die sogenannten IEDs sind besonders fies. Sie werden übers Handy gezündet. Manche Minen sind bunt. Das machen die Hersteller absichtlich. Weil Kinder im Krieg nichts zu spielen haben, heben sie das schöne bunte Ding auf. Dann verlieren sie einen Arm. Oder zwei. "Wer im Kriegsgebiet unterwegs ist, muss solche Minen erkennen können", sagt von Hippel.

An einer Anhöhe schattenhafte Bewegungen. Ein Checkpoint feindlicher Paramilizen. Zwei vermummte Gestalten halten uns die Maschinenpistolen unter die Nase. Der Kleinere der beiden redet in einer fremden Sprache auf mich ein. "Sorry", sage ich verunsichert. "Ich verstehe nicht."

"Was machst du in mein Land?", schreit mich der Kleinere in gebrochenem Deutsch an, während der Größere sich noch im Hintergrund hält.

"Ich bin Journalistin. Ich berichte über den Krieg."

"Hast du Waffe?"

"Ja, ein Messer. In der rechten Außentasche vom Rucksack."

Der Kleinere reißt mir das Messer aus der Tasche und wirft es einige Meter von sich weg auf den Boden. Ich rühre mich nicht vom Fleck. Keiner macht einen Mucks. Dabei spielen wir doch nur. Oder?

"Warum willst du Krieg berichten?" Der Kleinere stiert mich durch die Augenschlitze an.

"Aus Interesse", sage ich, froh, dass mir eine schnelle Antwort eingefallen ist. "Es ist mein Job."

"Hast du Scheißjob", faucht er. Jetzt kommt auch der Größere auf mich zu. Er winkt mich durch. Ich darf den Kontrollposten passieren.

"Auf die Knie!", brüllt der Größere plötzlich die Männer an. Die Vier gehorchen sofort. Auch sie müssen das Frage-Antwort-Spiel über sich ergehen lassen. Auch ihre Messer werden beschlagnahmt. Dann dürfen wir weiter.

"Solche Schikanen sind in Kriegsgebieten an der Tagesordnung", erklärt von Hippel. "Ihr habt alles richtig gemacht. Keine Provokationen gegenüber den Kontrollposten. Tut, was man euch sagt. Und beruft euch immer auf euren humanitären Einsatz." Von Hippel ist zufrieden mit uns. Wir sind es auch und atmen durch.

In seinen Auslandseinsätzen war von Hippel Zeuge, wie oft sich gerade Journalisten in Krisengebieten in Lebensgefahr begeben. Aus Unwissenheit, aus Leichtsinn oder purer Selbstüberschätzung. Als er mit seiner Truppe einmal zwei japanische Fotografen von einem verminten Friedhof runterholen muss, kommt ihm eine Idee, wie er nach seiner aktiven Zeit als Soldat seine Brötchen verdienen könnte. Vor ein paar Jahren hat er deswegen das Power-Action-Survival-Team (PAS) gegründet. In von Hippels Seminaren lernen Reporter und humanitäre Helfer jenes Know-how, was ihnen in Kriegsgebieten das Überleben sichern soll. Billig ist so etwas nicht.

Am nächsten Tag retten wir uns Schritt für Schritt, Zentimeter um Zentimeter aus einem Minenfeld. Wir versorgen einen verletzten Reporter von der NBC. Franz ist total in seinem Element. Das ist für ihn jetzt kein Spiel mehr. Wir heben den vor Schmerz stöhnenden Mann auf eine Trage und schleppen ihn mit. Doch die Mühe ist umsonst. Als wir erneut in einen Hinterhalt der Milizen geraten, knallen die den Verletzten kurzerhand ab. Uns filzen und demütigen sie. "Ein Menschenleben zählt unter Warlords nichts", sagt von Hippel.

Abends am Lagerfeuer bombardiert uns Rafael, ein drahtiger Russlanddeutscher aus von Hippels Team, mit seinen Witzen. Dirk ist, wenn er nicht gerade Warlord spielt, ein netter Banker aus Gütersloh, der keiner Fliege was zuleide tut und seinen Kindern nicht erlaubt, Nintendo DS zu spielen. "Die sollen Fahrrad fahren." Warum er so gerne Krieg spielt? "Perfekter Ausgleich zu meinem Job." Kein Wunder, in finanziellen Krisenzeiten wie diesen.

Mitten in der Nacht geht es blitzschnell. Überfall von Milizen. Irgendjemand stößt mich zu Boden. Bevor ich noch einen Mucks machen kann, habe ich einen Stoffsack über dem Kopf. Irgendjemand schleift mich mit. Ich kriege Panik und schreie. "Halt! Ich bekomme keine Luft! Ich werde ohnmächtig!" Irgendjemand zieht den Sack ein Stückchen höher. So kann ich besser atmen. Die Milizen verschleppen uns in ihr Lager.

Ich sehe vor meinem inneren Auge das Foto, das um die Welt ging. Der Gefangene von Guantánamo, einen Sack über dem Kopf, ein Kind im Arm. Vollkommen ausgeliefert. Ein Scheißgefühl. Und immer brüllt uns irgendeiner an. Ich fange an zu heulen, ich habe keine Lust mehr auf diese Scheiße. Alles kommt hoch, die Anspannung, die Übermüdung, die psychische Erschöpfung. Mein General zieht mich vom Boden hoch. Für mich ist Pause im Spiel. Die anderen halten das noch zwei Stunden durch und werden danach in einem Kellerverlies einzeln verhört. "Oft sind Journalisten und humanitäre Helfer mehrere Wochen in Händen von Geiselnehmern", sagt von Hippel. Da, wo Krieg kein Spiel ist.

Die Männer schauen nach dem Feuer. Ich will keinen mehr sehen und keinen mehr hören. Ich krieche zurück in den Schlafsack. Von Hippel sagt, Schlafentzug ist ein extremes Mittel, jemanden zu demoralisieren. Er hat recht. Wenn er mich diese Nacht noch einmal rausholt, bringe ich ihn um.

Ich hab mich tatsächlich aus dem zweiten Stock abgeseilt. Ein geniales Gefühl. In diesem Moment finde ich es fast schade, dass unser Spiel zu Ende ist. Wir sind dreckig. Ausgepowert. Und stinken nach Schweiß. "Man lernt viel über sich selbst", sagt Kai. Wir werden sogar übermütig. Auch wenn es nur ein Spiel ist - der General und sein Team lassen einen eindrucksvoll erfahren, was einem blühen kann im Kriegsgebiet. Wer in ein solches will, ist mit so einem Training gut beraten. Ich bleibe bis auf Weiteres lieber zu Hause.

Nachtrag: Bei einem Selbstmordanschlag der Taliban in Kundus, Afghanistan sterben Mitte Oktober zwei deutsche Soldaten. Auch fünf spielende Kinder kommen bei der Detonation ums Leben. Im Fernsehen sagt Verteidigungsminister Jung in die Mikrofone der Journalisten: "Das ist kein Krieg." Vielleicht ist es ja ein Spiel. Ein tödliches.

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